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Was Frauen über Brustkrebsfrüherkennung wissen sollten – Ein Gastbeitrag von Dr. med. Viyan Sido

vor 11 Minuten
6 Min. Lesezeit

„Ich war doch gerade erst beim Mammografie-Screening. Muss ich mir jetzt trotzdem Sorgen machen?“ Diese Frage hat mir neulich eine Patientin in der Sprechstunde gestellt, und ehrlich gesagt höre ich sie häufig. Sie zeigt, wie viel Unsicherheit rund um die Brustkrebsfrüherkennung eigentlich herrscht. Dabei tut sich gerade einiges: Seit Juli 2024 können Frauen bis einschließlich 75 Jahre alt am Screening teilnehmen, vorher lag die Grenze bei 69 Jahren. Und auch die künstliche Intelligenz hält Einzug in die Befundung. Höchste Zeit also, gemeinsam genauer hinzuschauen. Was kann die Mammografie leisten? Wo stößt sie an ihre Grenzen? Und was heißt das ganz konkret für dich?


Ich bin ein großer Fan von Prävention, und das nicht erst, seit ich als Präventivmedizinerin arbeite. Für mich persönlich bedeutet Prävention aber mehr, als nur Krankheiten möglichst früh zu entdecken. Es geht auch darum, die eigenen Risiken zu kennen und rechtzeitig Einfluss darauf zu nehmen. Und gerade bei Brustkrebs macht dieser Unterschied viel aus. Deshalb möchte ich dich ermutigen, das Thema nicht einfach abzuhaken, sondern es ein bisschen besser zu verstehen. Es lohnt sich, versprochen! Die Zahlen aus den Krebsregistern sprechen eine deutliche Sprache: Jedes Jahr erkranken in Deutschland fast 75.000 Frauen neu an Brustkrebs. Damit ist er mit Abstand die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Etwa jede achte Frau erhält im Laufe ihres Lebens diese Diagnose. Auch Männer können betroffen sein, allerdings selten, sie machen nur rund ein Prozent der Neuerkrankungen aus.


Das deutsche Mammografie-Screening richtet sich an alle Frauen von 50 bis einschließlich 75 Jahren. Sie werden alle zwei Jahre eingeladen oder können sich selbst dafür anmelden, künftig sollen sogar schon Frauen ab 45 dazukommen. Noch ist das allerdings nicht beschlossen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat das Stellungnahmeverfahren dazu in diesem Jahr gestartet. Das Ziel des Screenings ist, Brustkrebs zu finden, bevor er tastbar wird oder Beschwerden macht und genau darin liegt sein großer Wert. Denn je früher ein Tumor entdeckt wird, desto besser sind meist die Behandlungsmöglichkeiten und desto höher die Heilungschancen. Wie groß dieser Nutzen tatsächlich ist, zeigt eine Auswertung im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz aus dem Jahr 2025. Bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren, die am Screening teilgenommen hatten, lag die Brustkrebssterblichkeit zwischen 2009 und 2018 um 20 bis 30 Prozent niedriger als bei Frauen, die nicht teilgenommen hatten. Damit überwiegt der Nutzen das sehr geringe zusätzliche Krebsrisiko durch die Röntgenstrahlung deutlich. Wichtig dabei, die Ergebnisse gelten für das qualitätsgesicherte Screening-Programm, nicht für jede Mammografie, die außerhalb davon gemacht wird.


Zu einer ehrlichen Aufklärung gehört aber auch: Das Screening hat Nachteile.

Manche Frauen werden wegen eines auffälligen Befunds zur weiteren Abklärung einbestellt. Das kann ziemlich belastend sein, auch wenn sich die allermeisten dieser Befunde am Ende als harmlos herausstellen. Und manche Tumoren, die im Screening entdeckt werden, wären zeitlebens nie gefährlich geworden, werden aber trotzdem behandelt. Das nennt man dann „Überdiagnose“. Wie Nutzen und Nachteile im Einzelnen aussehen, erklärt die Entscheidungshilfe, die jeder Einladung beiliegt und die du auch auf der Website des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) findest. Nimm dir unbedingt die Zeit, sie zu lesen!


Außerdem bedeutet ein unauffälliges Ergebnis nicht, dass kein Brustkrebs entstehen kann, denn nicht jede Veränderung ist auf dem Mammogramm zu sehen. Besonders bei dichtem Brustgewebe ist die Beurteilung schwieriger, weil Drüsengewebe und Tumoren im Röntgenbild ähnlich hell erscheinen. Eine befreundete Radiologin vergleicht das gern mit der Suche nach einem „Schneeball im Schneegestöber“. Dichtes Gewebe ist zudem selbst ein Risikofaktor für Brustkrebs. Bei jüngeren Frauen ist die Brust häufig dichter und nach den Wechseljahren nimmt der Drüsenanteil meist ab. Für Frauen mit sehr dichtem Gewebe werden deshalb ergänzende Untersuchungen diskutiert. Die bislang beste Evidenz gibt es für die Magnetresonanztomografie (MRT), sie findet zusätzliche Tumoren, die im Mammogramm unsichtbar bleiben. Auch der Ultraschall kann weitere Befunde liefern, führt aber ebenfalls häufiger zu Fehlalarmen. Beides ist im Screening nicht vorgesehen und die Kostenfrage hängt also von der Indikation ab.


Ich erlebe es immer wieder: Frauen verlassen sich ganz auf ihr Screening-Ergebnis und fühlen sich danach „sicher“. Das kann jedoch trügerisch sein, vor allem bei dichtem Gewebe. Wissen ist hier keine Angstmacherei, sondern bedeutet schlicht und einfach Selbstbestimmung und Awareness. Denn wenn du weißt, wie dicht dein Brustgewebe ist, kannst du gemeinsam mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt entscheiden, ob zusätzliche Untersuchungen für dich sinnvoll sind. Also, frag ruhig gezielt danach, zum Beispiel in der Screening-Einheit oder in deiner gynäkologischen Praxis.


Was das für dich persönlich bedeutet

Nimm dir die Zeit und stell dir die Frage, „Wie hoch ist eigentlich mein persönliches Risiko?“ Denn jede Frau ist anders, und genauso individuell ist ihr Risiko. Alter, familiäre Belastung, bestimmte genetische Veränderungen, frühere Erkrankungen der Brust und die Brustdichte spielen eine Rolle. Ist zum Beispiel deine Mutter oder Schwester an Brustkrebs erkrankt oder gab es bei dir schon einmal auffällige Befunde, muss deine Situation möglicherweise anders bewertet werden. Frauen mit einem hohen familiären Risiko können in spezialisierten Zentren an einem intensivierten Früherkennungsprogramm teilnehmen, in der Regel schon ab etwa 25 bis 30 Jahren. Also trau dich, Fragen zu stellen!


Viele Frauen zögern, weil sie uns Ärztinnen und Ärzte nicht „unnötig“ mit ihren Sorgen belasten wollen. Ich kann dir aber sagen, das Gegenteil ist der Fall. Gute Präventivmedizin lebt davon, dass Patientinnen sich informieren und nachfragen. Schließlich kennst du deinen Körper und deine Familiengeschichte am besten. Dazu gehört auch, deine Brust zu kennen, wie sie sich anfühlt und wie sie aussieht, denn nur so fallen dir Veränderungen überhaupt auf. Eine neue Verhärtung, tastbare Lymphknoten in der Achsel, Hautrötung, eine Einziehung der Haut oder der Brustwarze, eine veränderte Brustform oder eine neu auftretende, einseitige Absonderung aus der Brustwarze solltest du immer ärztlich abklären lassen.


Glücklicherweise entwickelt sich die Mammografie selbst auch weiter, und das finde ich ehrlich gesagt ziemlich spannend. Künstliche Intelligenz kann Radiologinnen und Radiologen inzwischen bei der Beurteilung der Bilder unterstützen. Eine große Studie aus dem deutschen Screening-Programm mit mehr als 460.000 Frauen hat 2025 gezeigt: Mit KI-Unterstützung wurden rund 18 Prozent mehr Brustkrebsfälle entdeckt, ohne dass mehr Frauen zur Abklärung einbestellt werden mussten. Aber Vorsicht, die KI ersetzt nicht die ärztliche Beurteilung, sie ist ein zusätzliches Werkzeug (!), mehr nicht.


Und jetzt noch eine Erinnerung, die mir besonders am Herzen liegt:

Vorsorge beginnt lange vor dem nächsten Screening-Termin. Regelmäßige Bewegung, ein gesundes Körpergewicht, möglichst wenig oder am besten gar kein Alkohol und der Verzicht aufs Rauchen können dein Brustkrebsrisiko senken. Auch deine hormonelle Situation, etwa eine Hormontherapie in den Wechseljahren, gehört in eine individuelle Betrachtung mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt.


Und das Schöne daran, vieles davon hast du selbst in der Hand.

Vielleicht sollten wir also aufhören, Früherkennung nur als Pflichttermin zu sehen. Denn moderne Frauengesundheit heißt vor allem, das eigene Risiko kennen, sinnvolle Früherkennungsangebote nutzen und gute Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen.


Deshalb mein Appell an dich: Warte nicht auf Symptome und nicht nur auf die nächste Einladung. Werde aktiv, lerne deinen Körper kennen und sprich bei deinem nächsten Arztbesuch offen über dein persönliches Risiko. Mein Vorschlag: Nimm dir, noch bevor du diese Zeilen zur Seite legst, einen kurzen Moment und notiere dir die eine Frage, die du stellen möchtest. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Vorsorge, die man über sich ergehen lässt, und einer, die man selbst in die Hand nimmt.


Deine Gesundheit verdient diese Aufmerksamkeit. Und du verdienst es, informiert und selbstbestimmt zu entscheiden!


Deine,

Viyan Sido



Dr. med. Viyan Sido ist Fachärztin für Herzchirurgie und Allgemeinmedizin und Leiterin der Hochschulambulanz für geschlechterspezifische Herzmedizin und Frauensprechstunde am Herzzentrum Brandenburg. Ihr Schwerpunkt liegt auf Frauengesundheit und Prävention, insbesondere in der Herzmedizin. Dr. Sido setzt sich dafür ein, strukturelle und medizinische Versorgungslücken zu schließen, sowohl auf ärztlicher als auch auf gesundheitspolitischer Ebene.


Im August erschien ihr Buch "Die Longevity-Strategie für Frauen – Sieben Säulen für ein langes und gesundes Leben". Darin zeigt sie, wie Frauen durch gezieltes Körperwissen und kleine Alltagsveränderungen selbst die Regie über ihr Älterwerden übernehmen können – bevor Krankheit entsteht. Ein fundierter, alltagstauglicher Leitfaden für alle, die nicht dem Zufall überlassen wollen, wie fit und vital sie in den nächsten Jahrzehnten sind. Jetzt bestellen!


Weiterführende Literatur:

  1. Bakker, M. F., de Lange, S. V., Pijnappel, R. M., Mann, R. M., Peeters, P. H. M., Monninkhof, E. M., Emaus, M. J., Loo, C. E., Bisschops, R. H. C., Lobbes, M. B. I., de Jong, M. D. F., Duvivier, K. M., Veltman, J., Karssemeijer, N., de Koning, H. J., van Diest, P. J., Mali, W. P. T. M., van den Bosch, M. A. A. J., Veldhuis, W. B., & van Gils, C. H. (2019). Supplemental MRI screening for women with extremely dense breast tissue. New England Journal of Medicine, 381(22), 2091–2102. https://doi.org/10.1056/NEJMoa1903986

  2. Boyd, N. F., Guo, H., Martin, L. J., Sun, L., Stone, J., Fishell, E., Jong, R. A., Hislop, G., Chiarelli, A., Minkin, S., & Yaffe, M. J. (2007). Mammographic density and the risk and detection of breast cancer. New England Journal of Medicine, 356(3), 227–236. https://doi.org/10.1056/NEJMoa062790

  3. Bundesamt für Strahlenschutz. (2025). Evaluation der Brustkrebsmortalität im deutschen Mammographie-Screening-Programm: Ergebnisbericht (Vorhaben 3621S42410) abgerufen am 11- September 2026 unter https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0221-2025062052653

  4. Eisemann, N., Bunk, S., Mukama, T., Baltus, H., Elsner, S. A., Gomille, T., Hecht, G., Heywang-Köbrunner, S., Rathmann, R., Siegmann-Luz, K., Töllner, T., Vomweg, T. W., Leibig, C., & Katalinic, A. (2025). Nationwide real-world implementation of AI for cancer detection in population-based mammography screening. Nature Medicine, 31(3), 917–924. https://doi.org/10.1038/s41591-024-03408-6

  5. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. (o. J.). Welche Rolle spielt die Brustdichte? Gesundheitsinformation.de. Abgerufen am 11. September 2026 unter https://www.gesundheitsinformation.de/welche-rolle-spielt-die-brustdichte.html

  6. Løyland, B., Sandbekken, I. H., Grov, E. K., & Utne, I. (2024). Causes and risk factors of breast cancer, what do we know for sure? An evidence synthesis of systematic reviews and meta-analyses. Cancers, 16(8), Artikel 1583. https://doi.org/10.3390/cancers16081583

  7. Robert Koch-Institut, Zentrum für Krebsregisterdaten. (o. J.). Brustkrebs (Mammakarzinom). Abgerufen am 10. September 2026 von https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Brustkrebs/brustkrebs_node.html

 
 
 

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