Das einzige Frauengesundheitszentrum Ostdeutschlands kämpft ums Überleben
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Das einzige Frauen- und Mädchengesundheitszentrum in Ostdeutschland kämpft ums Überleben – gegen Förderkürzungen, gegen politische Gleichgültigkeit und gegen eine Versorgungslücke, die längst geschlossen sein sollte.
Es gibt Frauen, deren Arbeit das Fundament trägt, auf dem andere stehen. Frauen, die dort weitermachen, wo das System aufhört. Die Verantwortung übernehmen, nicht weil jemand sie darum gebeten hat, sondern weil sie gesehen haben, was passiert, wenn es niemand tut. Wir nennen sie Alltagsheldinnen – nicht, weil sie laut sind oder weil sie sich selbst so bezeichnen würden, sondern weil ihre Arbeit essenziell ist und gleichzeitig oft unsichtbar bleibt. Heute stellen wir Anja Bielefeldt vor.
Reingestolpert und geblieben
Anja Bielefeldt wollte eigentlich mit Kindern arbeiten. Sie hat Sozialpädagogik studiert, in der Kita angefangen, gemerkt, dass sie mehr will – und dann weitergemacht. Einen Master in Sozialer Arbeit. Und irgendwann, sagt sie, wurde ihr während des Studiums sukzessive mehr bewusst, wie gesellschaftlich alles verankert ist. Was es an strukturellen Veränderungen bräuchte, um echte Gleichberechtigung zu erreichen. Die Kita-Arbeit fühlte sich plötzlich zu klein an für das, was sie bewegen wollte.
„Ich habe mich dann in Dresden umgeguckt, was es so gibt", erzählt sie. Was sie fand, war MEDEA – der Frauen- und Mädchengesundheitszentrum e.V., der seit 30 Jahren in Dresden existiert und der einzige seiner Art in ganz Ostdeutschland ist. Das Team suchte eine Koordinationsstelle. Anja bewarb sich. „Ich wusste ehrlich gesagt nicht so richtig, was mich erwartet."
Was sie erwartete, war mehr als Frauengesundheit im klassischen Sinne. Es war politische Lobbyarbeit. Netzwerkarbeit. Das Zusammenhalten von drei Fachbereichen mit fünf unterschiedlichen Fördermittelgebern, die alle ihre eigene Logik haben. Und immer wieder: das Kämpfen für Angebote, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.
Drei Fachbereiche, eine Lücke
MEDEA arbeitet in drei Bereichen. Der erste ist MEDEA International – ein Angebot mit und für Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrungen, die sich u.a. im deutschen Gesundheitssystem zurechtfinden müssen. Ein System, welches nicht barrierearm ist.
Der zweite ist MAXI, das Mädchenprojekt. Hier geht es um Aufklärung, Sexualität, Liebe, Beziehungen, Konsens – und um die vielleicht wichtigste Frage überhaupt: Was möchte ich eigentlich? Was mag ich? Was fühlt sich für mich richtig an?
Der dritte Bereich dreht sich um allgemeine Frauengesundheit – Zyklus, Körpergefühl, Einsamkeit, Netzwerke und Freund*innenschaft. Darum, Frauen zu bestärken, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich nicht an gesellschaftlichen Erwartungen zu messen, die nie für sie gedacht waren.
Was alle drei Bereiche verbindet, ist ein Verständnis von Gesundheit, das weit über das Körperliche hinausgeht. „Wir beziehen uns auf das individuelle Erleben des psychischen, sozialen und körperlichen Wohlbefindens", sagt Anja. Es geht darum, Frauen in ihrer Selbstbestimmung zu stärken. Darum, gesellschaftliche Rollenbilder zu hinterfragen. Darum, dass beispielsweise eine Frau, die zum Arzt geht, nicht erklärt bekommt, was sie fühlt – sondern gehört wird.
Genau das, sagt Anja, ist die Lücke, die MEDEA füllt. „Wir merken immer wieder, dass es diesen geschlechtsspezifischen Zugang braucht. Das spielt sich nicht nur über Lebensthemen der Frauen ab, sondern über das emotionale Gesehen- und Gehörtwerden." Wer z. B. sexualisierte Gewalt erlebt hat oder durch einen gewaltvollen Gerichtsprozess geht, kann das zwar bei der allgemeinen Sozialberatung besprechen, doch fehlt dort oft ein traumasensibler Umgang. Es braucht also einen Ort, der genau dafür da ist.
Dass es diesen Ort in ganz Ostdeutschland nur einmal gibt, sagt alles.
Was passiert, wenn Mädchen nie Stopp sagen lernen
MAXI, das Mädchenprojekt, ist der Bereich, der Anja aktuell besonders am Herzen liegt und gerade am stärksten unter Druck steht. Hier arbeitet MEDEA mit Schulklassen, in Workshops, in Einzelberatungen. Die Mädchen brauchen diesen außerschulischen Kontext über das Projekt, weil sie hier über Dinge reden können, ohne dass sie am nächsten Tag der Lehrkraft begegnen müssen, die ihr Zeugnis ausstellt.
Was lernen sie dort? Zu sagen, was sie wollen. Zu spüren, was ihnen gut tut. Ihren Körper mit wertschätzenden Begriffen zu beschreiben – Vulva statt Schamlippen, Hymen statt Jungfernhäutchen. „Mädchen lernen, dass sie Rechte haben und Grenzen setzen dürfen", erzählt Anja. „Und oft kommt das Feedback: Ich fühle mich jetzt sicherer. Ich kann das jetzt. Ich sage, wenn mich was stört."
Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht. „Was für Erwachsene vielleicht so ist wie: Na ja, wo ist jetzt das Ding – ist das für die Mädchen ein Riesenlearning."
Und was passiert, wenn Mädchen das nie lernen? „Sie unterdrücken sich selbst, ihre Meinung und ihre Bedürfnisse", sagt Anja. „Sie werden unsichtbar." Und unsichtbare Mädchen werden häufiger Opfer von Mobbing und Gewalt. Ein Kreislauf, den MEDEA an einem ganz frühen Punkt unterbricht. Oder unterbrochen hat. Denn dieser Bereich steht gerade auf der Kippe.
Die Oma
Als Anja gefragt wird, ob sie von einer Begegnung erzählen kann, die zeigt, warum dieser Ort existieren muss, denkt sie lange nach.
Dann erzählt sie von ihrer Oma.
Ihre Oma ist dieses Jahr 80 geworden. Eine ostdeutsch sozialisierte Frau, die ihr ganzes Leben für die Familie gelebt hat – für ihre Kinder, für die Enkel, für ihren Mann. Die sich selbst dabei so weit hinten angestellt hat, dass sie erst mit 80 begonnen hat zu lernen, was für sie selbst wichtig ist.
Jetzt geht sie zum Tai-Chi-Verein. Sie kocht unter der Woche kein Mittagessen mehr für ihren Mann. Sie renoviert ihre Wohnung so, wie sie es sich selbst vorstellt. „Es war für sie ein absoluter Befreiungsschlag", sagt Anja.
Sie hat gezögert, ob sie diese Geschichte erzählen soll. Aber dann hat sie sich entschieden: Ja. Denn genau das ist der Grund, warum MEDEA existieren muss. Damit nicht Generationen von Frauen bis zu ihrem 80. Geburtstag warten müssen, um zu verstehen, dass sie selbst auch wer sind.
„Mädchen und Frauen sollen von Lebensbeginn an lernen, sich zu behaupten. Für sich einzustehen. Zu wissen, was ihnen wichtig ist. Und gar nicht erst irgendwelchen Rollenerwartungen zu entsprechen, die gar nicht für sie passend sind."
Je härter das Außen, desto weicher das Innen
Im April 2025 wurde die kommunale Förderung für MAXI auf 50 Prozent gekürzt. Seither hat MEDEA mit Spenden und alternativen Fördermitteln versucht, den Betrieb auf 100 Prozent zu halten. Ab dem 1. August wird das nicht mehr gelingen. Der Handlungsspielraum halbiert sich.
Anja ist ehrlich, wenn sie das beschreibt. Sie sagt, sie wollte keine einfache Antwort geben, keine Parole. Aber dann ist sie bei keiner anderen gelandet.
„Es tut weh, zu sehen, dass gesellschaftliche Prioritäten so gesetzt werden, wie sie aktuell gesetzt werden." Kurzfristig mag es Sinn machen, Gelder umzuschichten. Langfristig, sagt sie, geht damit so viel Lebensqualität verloren in den kleinen Mikroorganismen einer Stadt.
Was das Team trägt? Eine klare Haltung: „Nee, und jetzt erst recht." Je stärker der Gegenwind, desto mehr wollen sie. Intrinsisch, sagt Anja, ist der vorwiegende Antrieb. Und vor allem: das Team. Die Devise seit den Kürzungen lautet: Je härter das Außen, desto weicher das Innen. Wenn der Druck zu groß wird, holt man sich zusammen. Man fragt sich gegenseitig, was man braucht. MEDEA lebt ihre Inhalte auch auf organisationaler Ebene. Man gönnt sich einen schlechten Tag.
Und dann macht man weiter.
Eine Utopie, die eigentlich keine sein sollte
Wenn Anja von der Zukunft spricht, fängt sie bei dem an, was sofort nötig wäre: Regelfinanzierung statt Projektförderung. Verlässlichkeit statt halbjährlicher Überlebensplanung.
Aber dann denkt sie weiter. „Wir wollen uns mit unserer Arbeit eigentlich selbst obsolet machen", sagt sie. Das ist der eigentliche Satz hinter allem. MEDEA arbeitet daran, eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden – weil Mädchen von Anfang an lernen, sich zu behaupten. Weil Frauen im Gesundheitssystem ernst genommen werden. Weil Medical Gaslighting und gewaltvolle Erlebnisse aufgehört haben, eine Erfahrung zu sein, über die fast jede Frau berichten kann.
„Keine Frau, kein Mädchen, keine FLINTA-Person soll Angst haben müssen vor Diskriminierung oder Gewalt, weil alle am Ende gleichberechtigt sind."
Das klingt nach einer Utopie. Anja weiß das. Aber sie sagt es trotzdem – weil es das einzige Ziel ist, das sie antreibt. Und weil Orte wie MEDEA genau dafür da sind: um an dieser Utopie zu bauen, jeden Tag, gegen jeden Gegenwind.
Wer MEDEA e.V. und die Arbeit des Teams unterstützen möchte, findet alle Informationen unter
Anja Bielefeldt ist Projektkoordinatorin im Frauen- und Mädchengesundheitszentrum MEDEA e.V. in Dresden. MEDEA ist seit 30 Jahren aktiv und das einzige Frauen- und Mädchengesundheitszentrum in Ostdeutschland.





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