Helfen, wenn andere wegsehen
- 5. Juni
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Es gibt Frauen, deren Arbeit das Fundament trägt, auf dem andere stehen. Frauen, die dort weitermachen, wo das System aufhört. Die Verantwortung übernehmen, nicht weil jemand sie darum gebeten hat, sondern weil sie gesehen haben, was passiert, wenn es niemand tut. Wir nennen sie Alltagsheldinnen. Nicht weil sie laut sind oder weil sie sich selbst so bezeichnen würden, sondern weil ihre Arbeit essentiell ist und gleichzeitig oft unsichtbar bleibt. Mit diesem neuen Format wollen wir genau diese Frauen sichtbar machen. Heute sprechen wir mit Franziska Haßelmann.
Sie geht hin, wo andere wegsehen
Franziska Haßelmann ist fast nie an einem festen Ort. Bahnsteige, Unterführungen, Parkbänke im Bahnhofsumfeld. Orte, an denen Berlin täglich an Menschen vorbeieilt, ohne hinzuschauen.
Sie leitet die Mobile Einzelfallhilfe der Berliner Stadtmission. Ein kleines, spendenfinanziertes Team, das aufsuchende Sozialarbeit macht. Das bedeutet: Sie gehen nicht davon aus, dass Menschen zu ihnen kommen. Sie gehen hin. Zu den Menschen, deren Lebensmittelpunkt die S- und U-Bahn-Stationen sind. Zu Menschen, die das System längst aufgegeben habt, oder die das System längst aufgegeben haben.
„Wir suchen obdachlose Personen an den Orten auf und das sind meistens Menschen mit starken psychischen oder physischen Einschränkungen", erzählt Franziska. „Viele Leute mit Schizophrenie, Borderline oder auch Menschen, die im Rollstuhl sitzen, weil sie Gliedmaßen verloren haben und nicht mehr in der Lage sind, zu den normalen, regulären ambulanten Beratungsstellen zu kommen."
Die Menschen, die Franziska und ihr Team aufsuchen, brauchen keine weiteren Hürden. Keine Formulare, die man zuerst ausfüllen muss. Keine Regeln, die man kennen muss, um Hilfe zu bekommen. Und genau das ist das Prinzip, auf dem die Mobile Einzelfallhilfe aufbaut: so niedrigschwellig wie möglich, so nah wie nötig.
Die lange Arbeit des Vertrauens
Wer lange auf der Straße lebt, hat oft aufgehört, anderen zu vertrauen. Institutionen haben enttäuscht. Menschen haben enttäuscht. Das System hat enttäuscht. Und jetzt kommen da zwei Sozialarbeiterinnen und wollen helfen.
Franziska weiß, dass Vertrauen sich nicht erklären lässt. Es muss erlebt werden. „Das Wichtigste liegt schon in der Straßensozialarbeit", sagt sie. „Niedrigschwelliger als das geht es nicht, wenn du wirklich an deinem Lebensort bist und Leute besuchen dich und kommen proaktiv auf dich zu."
Aber das allein reicht nicht. Was zählt, ist Verlässlichkeit. „Wenn ich sage, ich bringe dir morgen um 10 Uhr den Schlafsack, dann komme ich auch wirklich um 10 Uhr und bringe den Schlafsack. Was auch immer ist." Nicht als große Geste. Sondern als stille Botschaft: Ich bin da. Ich komme wieder. Du kannst dich darauf verlassen.
Irgendwann, manchmal nach Wochen, manchmal nach Monaten, kommt der Moment, in dem jemand sagt: Ich habe schon lange keinen Ausweis mehr. Könntest du mir dabei helfen? Dann begleitet Franziska zum Amt, beantragt Dokumente, prüft Leistungsansprüche, sucht Unterkunft. „Es gibt wenig, was wir nicht machen", sagt sie. „Wir gehen auch mit den Leuten ins Krankenhaus. Wir sitzen da auch stundenlang, bis sie irgendwann aufgenommen sind."
Frauen auf der Straße: die doppelte Unsichtbarkeit
Bei Obdachlosigkeit denken die meisten an den Mann auf der Parkbank, den Mann in der U-Bahn mit dem Pappbecher. Das Gesicht der Frau auf der Straße bleibt unsichtbar.
„Bei Frauen ist die Obdachlosigkeit vielleicht nicht auf den ersten Blick so sichtbar wie bei Männern", erklärt Franziska. „Sie sind häufig bemüht, irgendwie anständig und relativ sauber gekleidet zu sein, um nicht stigmatisiert zu werden und nicht gleich als obdachlose Person erkannt zu werden."
Frauen auf der Straße sind einem weit höheren Gewaltrisiko ausgesetzt als Männer. Sexuelle Übergriffe gehören für viele von ihnen zum Alltag. Schon der Weg zum Schlafplatz kann gefährlich werden: Männer, die anbieten, mit nach Hause zu kommen, die Geld oder eine Dusche versprechen. Angebote, hinter denen selten nur Hilfsbereitschaft steckt. Manche Frauen suchen deshalb Schutz in der Nähe von Gruppen obdachloser Männer, in der Hoffnung, dass die Gruppe abschreckt. „Das funktioniert aber auch nicht immer", sagt Franziska nüchtern.
Was die Lage noch komplizierter macht: Obdachlosigkeit trifft selten allein. Franziska begleitet zum Beispiel eine Klientin, die gleichzeitig Frau ist, obdachlos und kognitiv beeinträchtigt. Drei Faktoren, die sich gegenseitig verstärken und die Chancen auf Hilfe mit jeder Schicht weiter verringern. „Umso mehr draufkommt, umso schwieriger wird es", sagt Franziska.
Was Franziska in ihrer Arbeit mit obdachlosen Frauen besonders beobachtet: Sie verlieren ihre Kinder nicht aus dem Blick. Während männliche Klienten den Kontakt zu ihren Kindern häufig als zu belastend loslassen, ist es bei Frauen anders. „Die sagen: Ich habe Kinder und ich möchte den Kontakt. Ich möchte eigentlich gerne eine Wohnung und ich möchte auch die Kinder wieder haben." Das bedeutet für Franziskas Team eine weitere Ebene der Begleitung: zum Jugendamt, zu Hilfekonferenzen, durch ein System, das auch hier nicht gerade einfach zu navigieren ist. „Ich habe noch nie einen Mann zum Jugendamt begleitet", sagt sie.
Was man mit nach Hause nimmt
Nicht jede Geschichte endet gut. Nicht jeder Mensch nimmt die Hand an, die ausgestreckt wird. Nicht jeder Moment lässt sich auffangen.
Franziska ist ehrlich darüber. „Es gibt immer mal wieder Situationen, die man auch mit nach Hause nimmt. Und ich glaube, das wäre auch Quatsch, da was anderes zu behaupten."
Was ihr hilft, ist eine klare innere Haltung: Sie kann eine Hilfestellung geben. Ob jemand sie annimmt, liegt nicht in ihrer Macht. „Jede Person ist irgendwie auch des eigenen Glückes Schmied, bis zu einem gewissen Grad." Und wenn es beim fünften Mal nicht klappt, versucht sie es beim sechsten. Solange jemand ihre Hilfe nicht ausdrücklich ablehnt, ist sie da.
Das klingt einfacher, als es ist. Aber es ist kein Rückzug. Es ist eine Form von Respekt. Gegenüber den Menschen, die sie begleitet. Und gegenüber sich selbst.
Was Franziska sich von Berlin wünscht
Berlin ist, gemessen an anderen deutschen Städten, kein schlechter Ort für obdachlose Menschen. Das Hilfssystem ist vergleichsweise gut ausgebaut, die Stadt geht toleranter mit Obdachlosigkeit um als etwa Hamburg oder Bayern, wo Straßensozialarbeit gekürzt wird oder das Verweilen auf bestimmten Plätzen verboten ist.
Aber Toleranz ist kein Ersatz für Lösungen. „Wir haben einfach nicht genügend Unterbringungsmöglichkeiten", sagt Franziska. Selbst wenn alle Träger und alle Sozialarbeitenden jeden Tag Vollgas geben, reichen die Plätze nicht. Und weil Berlin als vergleichsweise menschliches Pflaster gilt, kommen auch mehr Menschen hierher, was das Problem verschärft.
Was sich ändern müsste? „Wohnraum für alle." Nicht das nächste Bürogebäude für zahlungskräftige Mieterinnen und Mieter, sondern echte Unterkünfte, echte Wohnungen, Housing First. Ein Ansatz, bei dem Menschen zuerst ein Dach über dem Kopf bekommen und dann Unterstützung, statt umgekehrt.
Die kleinste Geste, die alles verändert
Franziska erzählt am Ende des Gesprächs noch eine Geschichte. Ihr Bruder hat einem obdachlosen Mann einen Hamburger gekauft. Gut gemeint, direkt gekauft, einfach so. Der Mann wollte ihn nicht und hat ihn angeschrien.
Franziska lacht, wenn sie das erzählt. Aber dahinter steckt etwas Ernstes.
„Vielleicht will er keinen Hamburger. Vielleicht ist er Veganer. Also wir wissen das alle nicht." Was sie sich von der Gesellschaft wünscht, ist eigentlich ganz einfach: Obdachlose Menschen als Menschen wahrnehmen. Nicht wegschauen. Nicht so tun, als wären sie nicht da. Und wenn man helfen möchte: fragen, was jemand braucht — anstatt zu entscheiden, was gut für ihn ist. Was mir meine Klientinnen und Klienten immer wieder berichten, ist, dass sie sich einfach ausgeschlossen fühlen", sagt Franziska. „Dann würde es schon einen Unterschied machen, wenn ich in die Bahn komme und schnorre und selbst, wenn du kein Geld hast — dann wünsch mir einen schönen Tag oder lächle mal freundlich. Aber sag nicht: Du existierst für mich nicht."
Das Team der Mobilen Einzelfallhilfe ist ausschließlich spendenfinanziert und freut sich deshalb über jede Spende, die an unten angegebenes Spendenkonto mit dem Hinweis „Mobile Einzelfallhilfe“ angewiesen oder im persönlichen Kontakt an sie übergeben wird. Hierfür stehen Ihnen die Mitarbeiter:innen des Zentrums am Zoo (Hardenbergplatz 13, 10623 Berlin) zu den üblichen Geschäftszeiten zur Verfügung.
IBAN: DE67 3702 0500 0003 1555 00
BIC: BFSWDE33XXX
SozialBank AG
Verwendungszweck: Mobile Einzelfallhilfe (unbedingt mit angeben!)
Franziska Haßelmann leitet die Mobile Einzelfallhilfe der Berliner Stadtmission. Das Projekt ist am Zentrum am Zoo angesiedelt und wird finanziert durch die S-Bahn Berlin, die BVG und private Spenden.





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