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Hunderttausende gehen täglich an ihnen vorbei. Rebekka Müller nicht.

  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit


Jeden Samstag steht sie in der Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof – freiwillig, mit offenen Augen und einer Überzeugung, die größer ist als ein freier Tag.


Es gibt Frauen, deren Engagement dort beginnt, wo der Alltag der meisten aufhört. Frauen, die nicht wegschauen, sondern hinschauen. Die Verantwortung übernehmen, nicht weil jemand sie darum gebeten hat, sondern weil sie verstanden haben, was passiert, wenn es niemand tut. Rebekka Müller ist eine von ihnen.


Seit Dezember 2022 verbringt sie fast jeden freien Samstag in der Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof. Vollzeitjob, Promotion, ein Leben mit Freunden und Familie und trotzdem, oder vielleicht genau deswegen: die Bahnhofsmission. Jede Woche wieder.


Eine Probeschicht. Und dann noch eine.

Der Weg dorthin war kein großer Entschluss. Keine Erleuchtung, kein Wendepunkt. Rebekka hatte schon vor Corona kurz in der Obdachlosenhilfe gearbeitet, dann kam die Pandemie und vieles stand still. Als sie danach wieder anfangen wollte, irgendetwas, das zählt, landete sie bei der Berliner Stadtmission, stieß auf eine Ausschreibung der Bahnhofsmission, schrieb eine E-Mail.


Dann kam die Probeschicht. „Ich glaube, die Arbeit ist auch nicht für jedermann was", sagt sie. Für sie war es das Richtige und das hat sie schnell gemerkt. Zwei Dinge haben sie sofort gehalten: das Team und die Gäste.


„Ich habe mich total direkt willkommen gefühlt. Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, sehr divers, vom ersten Moment an habe ich mich wohlgefühlt." Und dann die Menschen, für die die Bahnhofsmission da ist. Mit ihnen in Austausch gehen, zuhören, da sein. Keine Berührungsängste. „Das hat sich einfach richtig angefühlt."


Seitdem ist sie geblieben. Fast jeden Samstag.


Was an einem Berliner Bahnhof übersehen wird

Der Berliner Hauptbahnhof ist einer der meistfrequentierten Orte der Stadt. Hunderttausende strömen täglich durch seine Hallen, Rolltreppen hinauf, Rolltreppen hinunter, Augen auf dem Handy, Koffer im Schlepptau. Niemand bleibt länger als nötig.

Rebekka bleibt. Und sie sieht, was andere nicht sehen.


„Ich kenne jetzt viele Menschen, die da sitzen, mit Namen. Ich grüße die. Und manchmal werde ich auch gegrüßt." Wenn sie morgens früh um vier oder fünf Uhr durch den Bahnhof muss, sind es diese Menschen, mit denen sie spricht. Keine Statisten, keine anonymen Gesichter. Menschen mit Geschichte, mit Namen, mit einem Alltag, den die meisten an ihnen vorbeirauschen.


„Das ist eigentlich schön", sagt sie. Und meint es so. Die Bahnhofsmission ist für alle da: für Reisende, die nicht weiterwissen, für Menschen in akuten Krisen, für Menschen ohne Wohnung, die seit Jahren regelmäßig kommen und die das Team kennt. Was sie dort finden: einen Kaffee, einen Tee, vielleicht ein Gebäckteilchen. Aber vor allem ein offenes Ohr. Einen Raum, in dem sie sich geschützt fühlen können. Einen Moment Ruhe in einer Stadt, die nie aufhört.


Das klingt nach wenig. Es ist sehr viel.


Wie eine Taschenlampe


Wer zur Bahnhofsmission kommt, kommt oft mit Problemen, die sich nicht in einer Schicht lösen lassen. Wohnungslosigkeit, fehlende Krankenversicherung, zerbrochene soziale Netze, Dinge, die langsam entstanden sind und nicht schnell verschwinden. Rebekka weiß das. Sie hat gelernt, damit umzugehen, ohne daran zu verzweifeln.


Das erste ist immer: zuhören. Aufmerksamkeit schenken, ohne sofort in Lösungsmodus zu verfallen. Dann schauen, was möglich ist. Weiterverweisen: an Notunterkünfte, an soziale Organisationen, an ärztliche Anlaufstellen für Menschen ohne Krankenversicherung. Termine machen, vorab anrufen, begleiten.


Und dann gibt es die Momente, in denen nichts davon reicht. In denen das Problem größer ist als jede Hilfe, die man anbieten kann.


Für genau diese Momente hat Rebekka in einem Workshop der Bahnhofsmission ein Bild mitgenommen, das sie seitdem nicht mehr losgelassen hat. Das Bild der Taschenlampe. „Schaffen wir es, für einen Moment mit der Taschenlampe auf irgendetwas Positives zu leuchten? Jeder Mensch, egal in welcher Situation, irgendetwas hat ihn morgens angetrieben, aus dem Schlafsack zu kommen und zu uns zu kommen. In jedem Moment ist irgendwo was Positives."


Das sichtbar zu machen, sagt sie, ist schon Hilfe. Hilfe, die zählt.


Ein bisschen egoistisch


Rebekka arbeitet Vollzeit. Sie hat Freunde, Familie, ein Leben, das sich auch ohne Ehrenamt gut anfühlen würde. Den Samstag könnte sie anders verbringen.

Sie tut es trotzdem nicht. Oder: genau deswegen nicht.


„Was zurückgeben", sagt sie, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, in eine unterstützende Familie hineingeboren, konnte studieren was sie wollte, konnte reisen. „Das wurde mir in die Wiege gelegt, ohne dass ich viel dafür getan habe." In einer Zeit, in der politische Strömungen nach innen zeigen, findet sie es umso wichtiger, nach außen zu schauen. Für eine solidarische Gesellschaft einzutreten. Für die, die es gerade nicht leicht haben.


Aber dann sagt sie noch etwas, das überrascht und das sie mit vollständiger Überzeugung meint: „Ehrenamt ist auch ein bisschen egoistisch." Nicht zynisch, sondern ehrlich. Sie geht fast immer positiv aus der Schicht raus. Mit Energie, mit gutem Input, mit dem Gefühl, dass der Tag etwas bedeutet hat. Das Team gibt ihr etwas. Die Gäste geben ihr etwas.


„Ich gebe den Samstag nicht ab. Das ist mein Tag. Weil ich da ganz viel bekomme."


Was Frauen unsichtbar macht

Eine Beobachtung hat sich bei Rebekka in dreieinhalb Jahren festgesetzt: Obdachlosigkeit bei Frauen sieht man seltener. Nicht weil es sie seltener trifft, sondern weil Frauen sie länger verbergen. Leiser sind. Sich unsichtbarer machen.

Sie kommen trotzdem. Und wenn sie kommen, bringen sie oft Probleme mit, die ganz eigene Dimensionen haben.


Rebekka nennt ein Beispiel, das banal klingt und es nicht ist: die Periode. „Wenn man kein Zuhause hat, kein Badezimmer, keine Hygieneartikel, das wird zu einer ganz anderen Thematik." Die Bahnhofsmission hält diese Artikel vor. Aber es braucht erst jemanden, der darüber nachdenkt, dass es diesen Bedarf gibt.


Dahinter steckt mehr. Finanzielle Abhängigkeit von Partnern, Gewaltbeziehungen, aus denen Frauen sich nicht lösen können, weil die wirtschaftliche Grundlage fehlt. Strukturen, die Frauen in Abhängigkeit halten, lange bevor irgendjemand auf der Straße sichtbar wird.


„Das ist mir noch mal bewusster geworden", sagt Rebekka. „Dass das immer noch da ist. Und dass es immer noch sehr viel Raum gibt, woran wir arbeiten müssen." Die Bahnhofsmission ist für sie auch deshalb mehr als ein Ehrenamt. Sie ist ein Spiegel. Einer, in den man schauen muss.


Anfangen

Rebekkas Rat für Frauen, die mit dem Gedanken spielen, sich zu engagieren, ist denkbar einfach: einfach anfangen.


Eine E-Mail schreiben. Ein Gespräch führen. Eine Probeschicht machen. Nicht jedes Ehrenamt passt zu jedem Menschen und das ist in Ordnung. Aber herausfinden kann man das nur, wenn man reinschnuppert.


Sie selbst erzählt davon, wo sie geht und steht. Nicht als Appell, sondern als Bericht aus ihrem Leben. Mittlerweile bringen Freunde und Bekannte ihr manchmal Kekse mit, Schokolade, kleine Dinge. Die trägt sie samstags mit in die Bahnhofsmission und verteilt sie dort. Eine kleine Kette der Aufmerksamkeit, die von ihr ausgeht und weiterläuft.

So funktioniert das, sagt sie. Nicht durch große Gesten. Durch Weitersagen. Durch Dabeisein. Durch einen Samstag nach dem anderen.


Rebekka Müller engagiert sich seit Dezember 2022 ehrenamtlich in der Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof. Wer mehr über die Arbeit der Bahnhofsmission erfahren oder selbst aktiv werden möchte, findet alle Informationen unter bahnhofsmission.de

 
 
 

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