„Es ist nie zu spät"
- vor 6 Stunden
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Tina Witte ist mit 52 Jahren zur Freiwilligen Feuerwehr gegangen. Was sie dort gefunden hat, geht weit über das hinaus, was man von außen sieht.
Manche Träume halten sich hartnäckig. Sie tauchen auf, wenn man einen Feuerwehrwagen an der Kreuzung vorbeirauschen sieht. Wenn man in den Nachrichten von einem Großbrand liest. Wenn man jahrzehntelang Schadensberichte bearbeitet und dabei immer wieder an die Menschen denkt, die da draußen im Einsatz waren. Martina Witte, die alle nur Tina nennen, weiß das besser als die meisten. Feuerwehr hat sie fasziniert, seit sie denken kann. Und trotzdem hat es 52 Jahre gebraucht, bis sie endlich den ersten Schritt gemacht hat.
„Das Leben setzt zunächst andere Prioritäten", sagt sie. „Ausbildung, Beruf, Familie, Kind – all das ging vor." Als Versicherungskauffrau hatte sie beruflich immer wieder Berührungspunkte mit der Feuerwehr: Brandschäden, Wasserschäden, Einsatzprotokolle. Jedes Mal wurde der Wunsch, selbst dabei zu sein, ein bisschen stärker. Und jedes Mal schien es nicht der richtige Moment zu sein.
Dann galt noch eine Altersgrenze für den Eintritt. Der Traum schien ausgeträumt.
Doch dann änderte sich alles. Über WhatsApp, E-Mail und Instagram meldeten sich Feuerwehrkameradinnen und -kameraden aus ganz Deutschland bei ihr, die sie durch ehrenamtliche Unterstützung bei Feuerwehrveranstaltungen kennengelernt hatte. Ihre Nachricht war immer dieselbe: Die Altersgrenze ist weggefallen. Jetzt kannst du endlich deinen Traum verwirklichen. Bewirb dich. Tina Witte tat genau das. Mit 52 Jahren trat sie in die Freiwillige Feuerwehr Berlin-Friedrichshain ein.
„Rückblickend war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens."
Wenn der Pieper geht
Den ersten echten Alarm vergisst man nie. In dem Moment, in dem es kein Übungsdienst mehr ist, sondern echte Menschen auf Hilfe warten, wird aus Ausbildung Verantwortung. Tina Witte beschreibt diesen Moment nüchtern und klar: „Natürlich ist man aufgeregt. Aber gleichzeitig vertraut man auf die Ausbildung und auf das Team. Gerade dieses Miteinander gibt Sicherheit."
Was die meisten Menschen nicht wissen: Feuerwehr ist selten das, was man im Fernsehen sieht. Der Alltag besteht aus technischen Hilfeleistungen, Türöffnungen, Unterstützung bei Unwettern, Verkehrsunfällen, kleineren Bränden. Dazu kommen Übungen, Gerätepflege, Organisation. „Feuerwehr bedeutet viel Vorbereitung, damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt", sagt Tina. „Das überrascht viele Menschen."
Manche Einsätze bleiben trotzdem. Der Brand eines Altpapierlagers in Berlin-Kreuzberg, der stundenlange Nachlöscharbeiten erforderte, bei denen gepresste Papierballen Stück für Stück auseinandergebracht werden mussten. Kellerbrände, bei denen die Sicht durch Rauch kaum vorhanden ist und jeder Schritt Konzentration verlangt. Und dann: der Einsatz im Grunewald 2022, nach den Explosionen auf dem Sprengplatz. Mehrere Tage, große Hitze, Explosionen im Hintergrund. Die Aufgabe: den Gefahrenbereich absichern, während Spezialkräfte den inneren Bereich abarbeiten.
„Das war eine außergewöhnliche Lage, die man so nicht alle Tage erlebt", sagt sie. „Umso erleichternder war es, dass sich trotz der schwierigen Situation kein Waldbrand entwickelte."
Mehr als ein Ehrenamt
Tina Witte ist nicht nur Feuerwehrfrau. Sie ist auch Leiterin des Fachbereichs Frauen im Landesfeuerwehrverband Berlin, dem Dachverband, der die Berliner Feuerwehren vernetzt, ihre Interessen vertritt und Impulse für Weiterentwicklung gibt. Für sie bedeutet diese Rolle vor allem eines: Frauen sichtbar machen.
„Als Leiterin des Fachbereichs Frauen ist es meine Aufgabe, Frauen in der Feuerwehr sichtbar zu machen, ihre Interessen zu vertreten und Impulse zu geben, damit sich noch mehr Frauen für dieses Ehrenamt begeistern."
Denn Frauen sind in der Feuerwehr noch immer in der Minderheit. Und das, findet Tina Witte, liegt nicht daran, dass sie nicht geeignet wären. „Ich glaube, viele Frauen unterschätzen sich selbst. Sie denken, sie seien nicht stark genug oder hätten nicht die richtigen Voraussetzungen." Dabei, sagt sie, brauche Feuerwehr weit mehr als körperliche Kraft: Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft, dazuzulernen. Das alles seien Qualitäten, die Frauen mitbrächten. Was oft fehle, seien sichtbare Vorbilder und eine persönliche Einladung.
Tina Witte will beides sein.
Über das Warten auf den richtigen Moment
Was bleibt, ist eine einfache Botschaft, die sie immer wieder weitergibt: Es ist nie zu spät. Nicht mit 30, nicht mit 40, nicht mit 52.
„Wartet nicht darauf, dass irgendwann der perfekte Zeitpunkt kommt. Wenn ihr Interesse habt, schaut euch eine Feuerwehr an, sprecht mit den Menschen dort und macht euch selbst ein Bild."
Ihrer 30-jährigen Version würde sie heute sagen: Hab mehr Mut. Vertraue dir selbst. Erfülle dir deine Träume früher. Manchmal braucht es nur den ersten Schritt, und Menschen, die an einen glauben.
Tina Witte ist Freiwillige Feuerwehrfrau in Berlin-Friedrichshain und Leiterin des Fachbereichs Frauen im Landesfeuerwehrverband Berlin.





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