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Wer schützt die Frauen, die schützen?

7. Aug.
4 Min. Lesezeit

Martina Evertz ist Vorständin beim Frauenhaus Bergstraße — freiwillig, unentgeltlich, mit schlaflosen Nächten inklusive.


Es war kein großer Plan. Kein langjähriger Aktivismus, keine politische Überzeugung, die sie eines Tages an die Tür des Frauenhaus Bergstraße geführt hat. Martina Evertz sucht gerade nach einer sinnvollen Aufgabe für den Ruhestand, als sie von der vorherigen Vorsitzenden hört. Sie kennt sie, sie schaut sich die Arbeit an, und sie sieht sofort: Das ist eine Aufgabe, die unbedingt weitergeführt werden muss.


„Ganz ehrlich war es Zufall", sagt sie heute. Und dann: „Aber wenn man einmal weiß, wie groß die Lücken im Hilfesystem sind, muss man erst recht weitermachen."


Seit knapp fünf Jahren leitet Martina Evertz als Vorsitzende den Verein, der das Frauenhaus Bergstraße und die angeschlossene Beratungsstelle trägt. Fünf Jahre, in denen aus einer neugierigen Entscheidung tiefes Wissen geworden ist – über Partnerschaftsgewalt, über Finanzierungslücken, über das, was passiert, wenn Frauen keinen Schutzplatz finden.


Was Vorstandsarbeit wirklich bedeutet

Wer an einen Vereinsvorstand denkt, denkt an Sitzungen. An Protokolle. Vielleicht an gelegentliche Repräsentationsauftritte. Die Realität im Frauenhaus Bergstraße sieht anders aus.

Der Vorstand ist Arbeitgeberin. Er verhandelt mit dem Landkreis über Finanzierung, führt Personalgespräche, koordiniert ein Team aus Sozialpädagoginnen, Erzieherinnen, Beraterinnen. Er tritt vor Spenderinnen auf, vor politischen Entscheidungsträger*innen, vor der Presse. Er moderiert Teamtage und löst Konflikte. Und er tut das alles ehrenamtlich.


„Man braucht juristische Kompetenz, Fingerspitzengefühl für Verhandlungen, die Fähigkeit zu moderieren und vorzutragen", zählt Martina Evertz auf. Die Vorstandsfrauen des Frauenhaus Bergstraße sind deshalb bewusst multidisziplinär zusammengesetzt: Juristinnen, eine Betriebswirtin, eine Bankkauffrau, eine Psychologin, eine IT-Fachfrau, zwei Sozialpädagoginnen. Jede bringt mit, was die Arbeit braucht.


Was das System trotzdem falsch macht, benennt sie klar: „Es ist grundsätzlich ein Fehler im System, dass der Schutz für von Gewalt betroffene Frauen nicht durch öffentliche Träger erfolgt." Dass der Betrieb eines Frauenhauses auf dem Engagement ehrenamtlicher Frauen ruht, hält sie für strukturell falsch, auch wenn sie selbst Teil dieses Systems ist und es am Laufen hält.


Wo Ehrenamt funktioniert und wo nicht

Eine Frage stellt sich im Frauenhaus immer wieder: Welche Aufgaben können Freiwillige übernehmen, und welche nicht?

Die Antwort ist klarer, als man vielleicht erwartet. Der direkte Kontakt mit den Frauen und Kindern bleibt den Hauptamtlichen vorbehalten. „Er bedarf einer professionellen Ausbildung und Haltung", sagt Martina Evertz. Wer in einer akuten Gewaltsituation Schutz sucht, braucht keine gut gemeinten Gesten, sondern fachkundige Begleitung.


Was Ehrenamtliche leisten können, ist Entlastung in klar abgegrenzten Bereichen: Zwei engagierte Deutschlehrerinnen kommen einmal pro Woche ins Haus und bieten den Bewohnerinnen freiwilligen Unterricht an. Ein Ehrenamtlicher kümmert sich im Sommer um den Garten. Hin und wieder übernimmt jemand kleinere Hausmeisterarbeiten.


Das klingt nach wenig. Und das ist es auch – bewusst. „Am Ende können nur die Hauptamtlichen vor Ort entscheiden, ob eine ehrenamtliche Mitarbeit funktioniert oder nicht", sagt Evertz. Gut gemeinte Angebote von außen können das Team belasten, statt es zu entlasten. Deshalb handhaben die Frauen des Vorstands das vorsichtig.


Die Finanzierungsfrage, die nie aufhört


Die Finanzierung des Vereins wird nicht ausreichend durch öffentliche Mittel gedeckt. Diese Lücke muss immer wieder durch Spenden, Bußgelder und Sondereinnahmen geschlossen werden.


Was das im Alltag bedeutet: immer wieder mit dem Kreis verhandeln. Immer wieder öffentlichkeitswirksam auftreten, um auf das Anliegen aufmerksam zu machen. Und immer wieder Frauen abweisen, weil es schlicht zu wenig Plätze gibt.


„Es gibt im Kreis viel zu wenig Plätze für betroffene Frauen", sagt Martina Evertz. Was aus denen wird, die abgewiesen werden, weiß sie meist nicht. „Es gibt danach in der Regel keinen Kontakt mehr." Was bleibt, ist die begründete Befürchtung: Viele bleiben in der Gewaltbeziehung.


Was fehlt, geht über Plätze hinaus. Mehr Beratungsstunden. Und vor allem Prävention: regelmäßige Workshops in Schulklassen zum Thema gesunde Beziehungen, die aufgrund der dünnen Personaldecke nicht möglich sind. „Das wäre wünschenswert", sagt Evertz. Aber es bleibt vorerst ein Wunsch.


Dazu kommen, wie sie offen sagt, „hin und wieder schlaflose Nächte aus allen möglichen Gründen, was für eine ehrenamtliche Tätigkeit eigentlich unangemessen ist."


Ein Gesetz, eine Lücke und viele offene Fragen

Seit Februar 2025 ist das Gewalthilfegesetz in Kraft. Ab 2032 soll es einen individuellen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung geben. Für Frauenhäuser wie das in Bensheim bedeutet das: Der Kreis müsste mehr Plätze vorhalten.


Ob der Verein diese Expansion tragen kann, ist eine andere Frage. „Im Hinblick auf die jetzt schon hohe Verantwortung – finanziell, personell, organisatorisch – können wir uns nicht vorstellen, ein weiteres Frauenhaus zu tragen", sagt Evertz. Realistischer wäre eine Aufstockung der Stellen in der Beratungsstelle. Aber auch das braucht Geld, das noch nicht da ist.


Bis 2032 ist es noch weit. Und die Frauen, die jetzt Hilfe brauchen, können nicht warten.


Warum man trotzdem weitermacht

Am Ende bleibt die Frage, die Martina Evertz selbst am besten beantworten kann: Warum tut man das? Warum trägt man diese Verantwortung, ehrenamtlich, mit schlaflosen Nächten und Finanzierungslücken und einem System, das einem die Arbeit unnötig schwer macht?


„Jede Frau, die sich für andere einsetzen will, kann sich engagieren", sagt sie. „Es gibt bei jeder eine Kompetenz, die sie gewinnbringend einsetzen kann." Manchmal reiche es, zunächst einfach nur die Aufgaben kennenzulernen und die richtigen Fragen zu stellen.

Auch sie selbst hat mit einer Frage angefangen. Was sie dort angetroffen hat, hat sie nicht mehr losgelassen.


Martina Evertz ist Vorsitzende des Frauenhaus Bergstraße e.V. in Bensheim. Mehr über das Team und den Verein auf Instagram: @frauenhaus_bergstrasse_e.v

 
 
 

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