Frauen in Afghanistan: Was ihre Entrechtung bedeutet – Ein Gastbeitrag von Hila Limar
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Warum die Entrechtung das gesamte Land bedroht
Wenn im Westen über Afghanistan berichtet wird, verfällt die Berichterstattung fast immer in dasselbe, eindimensionale Narrativ: das Bild der absolut rechtlosen, passiven Frau, gefangen in einem System totaler Unterdrückung. Diese Sichtweise ist nicht falsch, aber sie greift gefährlich zu kurz. Sie reduziert Millionen von Frauen auf reine Opfer und übersieht das Wichtigste: ihre Unbezwingbarkeit.
In einer Realität, die versucht, Frauen vollständig zu verdrängen, ist das bloße Weiterleben, das Schützen der Familie und das Bewahren von Würde kein passives Erdulden. Es ist ein tiefgreifender, permanenter Akt des Widerstands.
Die Situation ist nach fünf Jahren De-facto Regierung weiterhin erdrückend: Afghanistan ist weltweit das einzige Land, das Frauen systematisch per Bildungs- und Arbeitsverbot aus der Öffentlichkeit verdrängt. Betroffen sind laut UN Women fast 80% aller jungen Frauen. Diese erzwungene Isolation und der radikale Entzug jeder Selbstbestimmung hinterlassen verheerende Spuren: Seit 2021 berichten immer mehr Mädchen und Frauen von schweren Depressionen, Angstzuständen und verhäuften Suizidgedanken.
Doch es wäre gefährlich kurz gedacht, diese Krise auf ein reines Frauenthema oder ein individuelles Leid zu reduzieren – die Verbote treffen das gesamte Land im Kern. Bereits heute zeichnen sich die systemischen Folgen unmissverständlich ab. Der erzwungene Ausschluss von Frauen aus dem Arbeitsmarkt senkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Zeitgleich droht dem Gesundheitswesen der Kollaps: Da Frauen per Dekret meist nicht von männlichen Ärzten behandelt werden dürfen, ist das Land zwingend auf weibliches Personal angewiesen. Doch das Ende 2024 verhängte Ausbildungsverbot für zukünftige Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen führt dazu, dass Millionen von Frauen schon heute bei Krankheit, Schwangerschaft oder Geburt ohne medizinische Hilfe bleiben. Über diese gegenwärtige Notlage hinaus ist die Entwicklung auch für die Zukunft fatal: Studien belegen, dass gebildete Mütter gesündere Kinder erziehen und deren Bildung gezielt fördern. Das Verbot beschneidet somit die Überlebenschancen der nächsten Generation und trifft die Zukunft des Landes mehrfach.
Die historische Verantwortung Deutschlands
Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle internationale Politik, insbesondere die Haltung Deutschlands, fatal. Zwanzig Jahre lang war die Bundesrepublik militärisch und entwicklungspolitisch in Afghanistan aktiv; Frauenrechte wurden explizit zum moralischen Kern der deutschen Außenpolitik erklärt. Diesen Anspruch nun durch fortlaufende Mittelkürzungen – in den letzten Jahren um 74% - schleichend zu begraben, ist politisch und menschlich unverantwortlich.
Wenn internationale Gelder gestrichen und Programme beendet werden, trifft das nicht die Machthaber in Kabul. Es trifft die Zivilbevölkerung und gefährdet die wenigen verbliebenden zivilgesellschaftlichen Organisationen, die unter widrigsten Bedingungen Unterstützung leisten.
Handlungsräume verteidigen: Ein Appell an die Politik
Denn trotz der extremen Repression existieren weiterhin Handlungsspielräume. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Zivilgesellschaft vor Ort extrem anpassungsfähig und unsere Arbeit belegt täglich, dass Unterstützung möglich ist. Es gilt, die weiterhin erlaubte Grundschulbildung konsequent zu stärken, alternative Lernangebote zu schaffen sowie geschützte Räume offenzuhalten. In diesen Nischen erhalten Mädchen nicht nur Basiswissen, sondern auch die dringend benötigte psychosoziale Unterstützung, um der Isolation etwas entgegenzusetzen.
Deutschland kann nicht so tun, als beobachte es Afghanistan von außen, und darf sich ebenso wenig wie die internationale Gemeinschaft seiner historischen Verantwortung entziehen. Es braucht jetzt eine Kehrtwende in der Budgetierung: Die mühsam offengehaltenen Räume vor Ort müssen finanziell verlässlich, flexibel und langfristig abgesichert werden. Diese Absicherung ist keine Frage der Großzügigkeit, sondern die schlichte Übernahme von Verantwortung für die Folgen früherer Entscheidungen.
Text von Hila Limar

© Marina Hoppmann
Visions for Children e.V. setzt sich für hochwertige Bildung in Krisen- und Konfliktregionen ein. Auch nach dem Regierungswechsel zählt die Hamburger Nichtregierungsorganisation zu den wenigen Akteuren, die ihre Arbeit in Afghanistan fortsetzen. Gemeinsam mit lokalen Partnern ermöglicht sie Grundschulbildung für Mädchen, schafft alternative Bildungsangebote und unterstützt Frauen durch psychosoziale sowie berufliche Programme.
Wenn Du Frauen in Afghanistan unterstützen willst, geht es hier zur Spendenkampagne:





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