Wenn Frauen verhandeln, entstehen andere Lösungen
- 22. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Schwedens Botschafterin Veronika Danielsson über Diplomatie in Krisenzeiten, echte Gleichberechtigung – und was Europa voneinander lernen kann

Sie wollte eigentlich Journalistin werden. Fragen stellen, nicht beantwortet bekommen. Doch das Leben – und eine unerwartete Begegnung an einem Weihnachtstisch in Angola – hatte andere Pläne. Heute ist Veronika Danielsson Schwedens Botschafterin in Berlin, eine der erfahrensten Diplomatinnen Europas, und eine Frau, die seit Jahrzehnten dafür sorgt, dass mehr weibliche Stimmen an den Tischen sitzen, an denen Entscheidungen fallen.
Im Gespräch mit Isabelle von Klot für den FRAUEN100 Podcast spricht sie offen über ihren Weg, über Verhandlungen in Krisenzeiten – und darüber, was Deutschland von Schweden lernen könnte. Und umgekehrt.
Der Umweg, der kein Umweg war
Aufgewachsen zwischen Afrika und Norwegen, geprägt von einem Vater, der Diplomat war, und einer Mutter, die Tanzschulen aufbaute – Veronika Danielsson kannte das internationale Leben von klein auf. Und entschied sich bewusst dagegen. „Ich hatte bis zu meinem 20., 21. Lebensjahr entschieden, ich würde nicht Diplomatin werden", sagt sie und lacht. „Vielleicht gerade als Kind so ein bisschen."
Es war ein Weihnachtsbesuch in Angola, der alles änderte. Ihre Mutter – „sie hatte wohl einen guten Riecher" – lud sämtliche Junggesellen der Stadt zum Essen ein. Unter ihnen: ein junger schwedischer Diplomat namens Christian. Aus dem Besuch wurde eine Beziehung, aus der Beziehung eine Ehe, und aus dem Plan, Journalistin zu werden, wurde eine der bemerkenswertesten diplomatischen Karrieren Europas.
„So kann das Leben sein, wenn man sich am wenigsten vermutet", sagt sie. Keine Bitterkeit, kein Bedauern – nur die ruhige Überzeugung einer Frau, die ihren Weg im Nachhinein als genau richtig begreift.
Zwei Karrieren, ein Leben
Was Veronika Danielsson und ihr Mann geschafft haben, ist in der Diplomatie selten: Beide haben Karriere gemacht, auf höchstem Niveau, ohne dass eine Person die andere aufgeopfert hätte. Ihr Mann wurde Staatssekretär beim schwedischen Premierminister, sie Botschafterin. „Am Ende kann nur einer der Botschafter sein – das wurde ich."
Der Schlüssel war Flexibilität, gegenseitige Unterstützung – und ein glücklicher Umstand: Brüssel. Durch die EU-Mitgliedschaft Schwedens wechselte ihr Mann in die Europäische Kommission, beide lebten jahrelang in derselben Stadt. „In Brüssel hat man ja auch die EU vertreten – und die NATO liegt dort auch", sagt sie trocken. Was wie Pragmatismus klingt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrelanger bewusster Entscheidungen.
Das sogenannte Two-Body-Problem – wenn beide Partner in internationalen Institutionen Karriere machen wollen – ist in der Diplomatie eine reale Herausforderung, die viele Frauen aufhält, bevor sie überhaupt anfangen. Danielsson hat es gelöst. Nicht durch ein Rezept, das sich einfach übertragen lässt, sondern durch das, was sie als Grundhaltung durch ihr gesamtes Gespräch zieht: Man arbeitet hart, bleibt flexibel, und verliert sich selbst dabei nicht.
Empathie ist kein Soft Skill – sie ist Strategie
In Berlin hat Veronika Danielsson etwas aufgebaut, das sie selbst mit einem Lächeln als „Mini-UNO" beschreibt: ein Netzwerk weiblicher Botschafterinnen, das regelmäßig zu Hintergrundgesprächen zusammenkommt – Kolleginnen aus Marokko, Kuwait, dem Libanon, aus aller Welt. Gemeinsam diskutieren sie Sicherheitspolitik, Nahostfragen, Deutschlands Rolle in Europa.
„Ich lerne sehr viel über Deutschland durch meine Kontakte mit den anderen Frauen in dieser Gruppe", sagt sie gegenüber Isabelle von Klot. Was zunächst wie ein nettes Netzwerk klingt, ist in Wirklichkeit informelle Diplomatie auf höchstem Niveau.
Und ja, sie glaubt, dass es einen Unterschied macht, ob Frauen am Tisch sitzen. Nicht weil Frauen bessere Menschen wären – sondern weil sie oft anders verhandeln. „Wenn ich mit anderen Frauen verhandelte, konnte ich irgendwie leichter zu einem Durchbruch kommen." Empathie als Werkzeug, nicht als Schwäche. Humor als Türöffner. Die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, ohne die eigene Position aufzugeben.
„Du musst in den Mokassin des anderen Landes gehen, um das Land zu verstehen. Dann kann man gemeinsam Lösungen finden."
In einer Welt, in der Diplomatie immer schneller werden muss – wo ein Tweet eine politische Lage verändern kann – ist diese Haltung keine Schwäche. Sie ist, so Danielsson, eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt. „Dann muss man deutlich sein, dann muss man klar sein. Du musst wissen, wo deine Werte liegen."
Was Deutschland von Schweden lernen kann – und umgekehrt
Schweden gilt als Vorreiter der Gleichberechtigung. Aber Veronika Danielsson ist zu erfahren, um in Klischees zu denken. Sie erklärt nüchtern, wie es wirklich passiert ist: nicht aus moralischen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen. In den 60er-Jahren brauchte Schweden Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Also wurden die Rahmenbedingungen geschaffen: Kitas, Elternzeit, individuelle Besteuerung. 1971 wurde das Ehegattensplitting abgeschafft – jede Person steuerpflichtig für sich selbst. „Du musst mit 20, 25 schon anfangen, dir zu sagen, wie werde ich meine Rente anlegen."
Was folgte, war ein jahrzehntelanger Prozess. Heute sind zwischen 36 und 40 Prozent der Vorstandsmitglieder börsennotierter schwedischer Unternehmen Frauen. Der Vatermonat – inzwischen drei reservierte Monate Elternzeit, die verfallen, wenn der Vater sie nicht nimmt – hat die gesellschaftliche Norm verändert. „Jetzt sehen wir, dass es eine Selbstverständlichkeit geworden ist."
Für Deutschland hat sie eine klare Empfehlung: das Ehegattensplitting abschaffen. „Das ist für mich die wichtigste Maßnahme, um Frauen das Gefühl zu geben: Ich stehe auf eigenen Beinen. Ich bin wirtschaftlich verantwortlich für mich selbst. Das stärkt mich in meiner Ehe, das stärkt mich in meinem Berufsleben, das stärkt mich als Frau ganz persönlich."
Und was könnte Schweden von Deutschland lernen? Die Antwort überrascht: „Welche tüchtigen weiblichen Journalistinnen und Sicherheitsexpertinnen Deutschland hat – das beeindruckt mich wirklich. Das vermisse ich in Schweden."
Diplomatie ist kein Auslaufmodell – im Gegenteil
In einer Zeit, in der zwei aktive Kriege Europa prägen und politische Stimmungen sich mit jedem Tweet verschieben können, stellt sich die Frage: Kann Diplomatie überhaupt noch etwas bewirken? Veronika Danielssons Antwort ist klar: mehr denn je.
„Am Ende des Tages muss man sich an einem Tisch setzen und diplomatische Lösungen finden", sagt sie. Das sei nicht Naivität, sondern Notwendigkeit. Krisen werden nicht durch Abbruch von Kommunikation gelöst – sondern trotz allem durch das Aufrechterhalten von Gesprächskanälen, durch Vertrauen, das über Jahre aufgebaut wurde, und durch die Bereitschaft, den anderen wirklich zu verstehen.
Ihr wichtigstes Learning nach Jahrzehnten an Verhandlungstischen rund um die Welt: Wer nur die eigene Position durchsetzen will, kommt nicht weit. Wer aber zuhört, Brücken baut und dabei dennoch klar in seinen Werten bleibt, kann auch in schwierigsten Momenten Bewegung erzeugen. „Ich suche immer nach den Möglichkeiten. Hier sehe ich eine Veränderung. Hier könnten wir vielleicht mithelfen."
Das ist keine diplomatische Floskel. Es ist eine Arbeitsweise – und eine Haltung, von der wir alle etwas mitnehmen können.





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