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Sie baut Brücken, die Schulen allein nicht bauen können

  • 28. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit



Heike Yürgüc arbeitet täglich daran, dass Berliner Jugendliche nicht durchs System rutschen. Eine Geschichte über Klassenräume und Vertrauen .


Es gibt Frauen, deren Arbeit das Fundament trägt, auf dem andere stehen. Frauen, die dort weitermachen, wo das System aufhört. Die Verantwortung übernehmen, nicht weil jemand sie darum gebeten hat, sondern weil sie gesehen haben, was passiert, wenn es niemand tut. Wir nennen sie Alltagsheldinnen — nicht weil sie laut sind oder weil sie sich selbst so bezeichnen würden, sondern weil ihre Arbeit essentiell ist und gleichzeitig oft unsichtbar bleibt. Mit diesem neuen Format wollen wir genau diese Frauen sichtbar machen. Den Anfang macht Heike Yürgüc.


Eine Frage, die nicht loslässt

Es war 2021, mitten in der Pandemie. Keine Praktika, keine Betriebsbesuche, kaum echte Begegnungen mit der Arbeitswelt. Heike Yürgüc saß in einem Berliner Klassenraum und sah, was das mit Jugendlichen macht: Unsicherheit. Orientierungslosigkeit. Das dumpfe Gefühl, irgendwann entscheiden zu müssen, ohne zu wissen, worüber man eigentlich entscheidet.


Sie war damals Fellow bei Teach First Deutschland — einer gemeinnützigen Bildungsinitiative, die Hochschulabsolventinnen und -absolventen für zwei Jahre an Schulen in sozialen Brennpunkten schickt. Als zusätzliche Kraft im Unterricht, als Vertrauensperson, als jemand, der zwischen Schule und Arbeitswelt vermitteln kann. Heike hat Projektwochen organisiert, Rollenvorbilder eingeladen, Schülerinnen und Schüler bei Bewerbungen begleitet. Das Engagement war da. Aber etwas fehlte.

„Das eigentliche Problem ist kein Mangel an Ideen", sagt sie. „Berufsorientierung läuft an Schulen oft nebenbei — obwohl sie für die Zukunft junger Menschen zentral ist. Was fehlt, ist der rote Faden."


Diese Erkenntnis hat eine Frage ausgelöst, die Heike nicht mehr losgelassen hat: Warum gibt es an Schulen eigentlich keine feste Rolle, die Berufsorientierung nicht nur koordiniert, sondern systematisch denkt — und Schule dauerhaft mit der Wirtschaft verbindet? Aus dieser Frage ist eine Kooperation entstanden. Zwischen Teach First Deutschland und der IHK Berlin. Und Heike war die Erste, die diese Rolle ausfüllte: als BO-Managerin an ihrer Schule, mit dem klaren Auftrag, genau diese Brücke zu bauen.

Heute leitet sie bei der IHK Berlin den Bereich Berufsorientierung und Schulkooperationen. Das Modell, das damals als Pilotprojekt begann, ist inzwischen an zehn Berliner Schulen aktiv.


Was ist gute Berufsorientierung?

Was Berufsorientierung wirklich bedeutet, lässt sich schlecht in eine Schublade stecken. Berufsmessen, Broschüren, ein Praktikumstag im Frühjahr — das ist das, was die meisten damit verbinden. Heike beschreibt es anders. „In Wirklichkeit geht es um viel mehr: um Orientierung, Begleitung und das Zusammenspiel von Schule, persönlichem Umfeld und Arbeitswelt. Jugendliche müssen ihre eigenen Stärken kennenlernen, sich ausprobieren können und verstehen, wofür das Gelernte außerhalb der Schule überhaupt wichtig ist."


Problematisch wird es, wenn all das dem Zufall überlassen bleibt. Schon in der 7. oder 8. Klasse, sagt Heike, zeigt sich, welche beruflichen Möglichkeiten Jugendliche überhaupt in ihrem Horizont haben. Viele träumen groß — aber ohne das Wissen, welche Schritte nötig wären, führt das schnell in eine Sackgasse. Oder in eine Richtung, die gar nicht die eigene ist.


Das reguläre Schulsystem kann das allein nicht auffangen — nicht weil Lehrkräfte es nicht wollen, sondern weil das System es schlicht nicht hergibt. „Lehrkräfte leisten heute enorm viel", sagt Heike. „Neben dem eigentlichen Unterrichten übernehmen sie Verwaltungsaufgaben, führen Elterngespräche, begleiten Schülerinnen und Schüler individuell — in Klassen, die immer heterogener werden. Genau hier stößt das System an seine Grenzen."


Was das Teach First-Modell leisten kann, beschreibt sie mit zwei Worten: Zeit und Beziehung. Fellows können nah an Jugendlichen dran sein, ohne in alle schulischen Routinen eingebunden zu sein. Sie können Lücken erkennen, die im Alltagsbetrieb unsichtbar bleiben. Und sie bringen etwas mit, das viele Lehrkräfte schlicht nicht haben können: eigene Erfahrungen mit der Arbeitswelt, mit Bewerbungen, mit dem, was nach der Schule kommt.


„Mir wurde klar, dass nicht nur Schülerinnen und Schüler Orientierung brauchen", sagt Heike. „Auch Schule selbst braucht Unterstützung beim Blick nach außen."


Anna

Und dann gibt es Anna. Heike erzählt die Geschichte ohne Namen, aber mit einer Genauigkeit, die zeigt, dass sie sie nicht vergessen hat und wohl auch nicht vergessen wird. Anna war eine Schülerin, die in klassischen Prüfungssituationen scheiterte — Mathe durchgefallen, immer wieder. Aber in einer Präsentation zeigte sie, wer sie wirklich war: klar, souverän, überzeugend. Eine junge Frau mit Stärken, die das Schulsystem kaum sieht.


Anna hat ihren Abschluss geschafft. Sie wollte eine Ausbildung im Verkauf machen. Heike hat mit ihr gemeinsam eine Stelle gesucht, die Bewerbung begleitet, das Vorstellungsgespräch vorbereitet. Alles sah nach einem guten Übergang aus. Und dann — mitten in den Sommerferien — kam der Anruf vom Betrieb. Anna sei nie erschienen. Heike hat versucht, sie zu erreichen. Irgendwann meldete Anna sich kurz: „Ich will doch keine Ausbildung machen." Dann brach der Kontakt ab.


„Ich weiß bis heute nicht, wo sie gelandet ist", sagt Heike. „Diese Geschichte steht für viele Jugendliche, die durch alle Raster fallen. Nicht, weil sie unfähig wären. Sondern weil Übergänge extrem fragil sind — und weil schon kleine Brüche reichen, damit jemand unsichtbar wird."


„Dieses Projekt war wie Therapie für mich"

Aber es gibt auch die andere Geschichte. Die, die Heike trägt, wenn Anna zu schwer wird.

In einem Ferienprojekt hat sie mit einer Gruppe von Mädchen gearbeitet. Gemeinsam haben sie eine Wand in der Schule gestaltet, begleitet von einer Kunsttherapeutin, in einem geschützten Raum. Die Frage, um die sich alles drehte: Wer oder was gibt mir Halt? Die Mädchen haben ihre Idole gemalt — Disney-Figuren wie Tiana, Frida Kahlo, Frauen aus ihrem eigenen Leben. Es ging um Bilder von Stärke, um das eigene Erleben, um das, was bleibt, wenn der Alltag schwer wird.


Am Ende der Woche wurde eines der Mädchen von der Schulleitung gefragt, wie es ihr gegangen war.


Sie sagte nur: „Dieses Projekt war wie Therapie für mich."

„Dieser Satz hat mich nicht mehr losgelassen", erinnert sich Heike.


An diesem Berlin mitbauen

Wenn Heike über die Zukunft spricht, klingt das nicht nach Erschöpfung. Es klingt nach jemandem, der genau weiß, warum er morgens aufsteht.


„Ich will, dass in zehn Jahren weniger junge Menschen durchs System rutschen — unabhängig davon, wo sie aufwachsen. Mein Ziel ist ein Berlin, in dem Übergänge von der Schule in Ausbildung verlässlich begleitet werden und nicht vom Zufall abhängen."

Und dann sagt sie einen Satz, der klingt wie ein stilles Versprechen: „Wenn es normal ist, dass Schulen, Wirtschaft und weitere Akteure dauerhaft zusammenarbeiten und Jugendliche früh echte Perspektiven bekommen — dann habe ich an diesem Berlin mitgebaut."


Es gibt viele Heikes. Frauen, die dort anpacken, wo das System Lücken lässt — ohne Scheinwerfer, ohne großes Aufheben. Mit unserem Format Alltagsheldinnen machen wir sie sichtbar. Eine nach der anderen. Weil ihre Arbeit gesehen werden muss.


Heike Yürgüc ist Bereichsleiterin Berufsorientierung & Schulkooperationen bei der IHK Berlin. Zuvor war sie Fellow bei Teach First Deutschland an der Willy-Brandt-Schule in Berlin. Das Kooperationsprojekt zwischen Teach First Deutschland und der IHK Berlin ist aktuell an zehn Berliner Schulen aktiv.

 
 
 

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