„Mut beginnt mit einer Entscheidung“ – Paralympics-Siegerin Verena Bentele im Interview
- 2. Apr.
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Beim FRAUEN100-Dinner „WOMEN FIRST – Frauen, die Geschichte schreiben“, standen Frauen im Mittelpunkt, die Grenzen verschoben und neue Perspektiven eröffnet haben. Eine von ihnen ist Verena Bentele – zwölffache Paralympics-Siegerin im Biathlon und Skilanglauf, ehemalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und heute Präsidentin des Sozialverbands VdK, dem größten Sozialverband Deutschlands.
Geboren blind, hat Bentele früh gelernt, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren, Verantwortung für ihren eigenen Weg zu übernehmen und Hindernisse nicht als Begrenzung, sondern als Herausforderung zu begreifen. Im Spitzensport hat sie mit insgesamt 16 Paralympics-Medaillen Geschichte geschrieben, in der Politik und Verbandsarbeit setzt sie sich heute für soziale Gerechtigkeit, Inklusion und Chancengleichheit ein.
Im Gespräch spricht sie über Selbstreflexion als Grundlage von Führung, über Mut in entscheidenden Momenten – und darüber, warum Frauen ihre Stärken selbstbewusster einsetzen und Verantwortung sichtbarer übernehmen sollten.
Sie sagen, dass Sie durch Ihre Blindheit früh gelernt haben, Ihre eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen – und gleichzeitig an Ihre Stärken zu glauben. Wie hat diese frühe Selbstreflexion Ihre Haltung als Führungspersönlichkeit geprägt?
„Meine Blindheit hat mich von klein auf gelehrt, Verantwortung für meinen Weg zu übernehmen und stets klar und ehrlich zu analysieren: Was kann ich richtig gut? Wo brauche ich Strategie, Training oder ein starkes Team? Konsequente Selbstreflexion ist für mich die Grundlage, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Wesentlich ist auch eine klare Kommunikation zu den eigenen Bedürfnissen und Erwartungen. Besonders Frauen möchte ich ermutigen, weniger in Defiziten zu denken und ihren Fokus auf ihre Stärken, auf konkrete Ziele und Lösungen zu richten und sich nicht von Hindernissen im Kopf ausbremsen zu lassen. Entscheidend ist dann die tägliche Umsetzungsdisziplin. In meinen Keynotes ermutige ich dazu, sich bewusst Unterstützung zu holen. Das ist kein Zeichen von Schwäche – im Gegenteil. Niemand gewinnt alleine eine Goldmedaille. Wer sich gezielt „Begleitläufer“ holt und seine Stärken strategisch einsetzt, verschiebt seine Grenzen Schritt für Schritt und erhöht seine Chancen und auch seine Wirkung.“
Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich gefragt haben: „Wie will ich meine Karriere beenden – nach einem Unfall oder mit einer Goldmedaille?“ Was hat Ihnen in diesem Moment den Mut gegeben, sich für den Weg nach vorne zu entscheiden – und was können Frauen daraus lernen, die heute vor schwierigen Entscheidungen stehen?
„Nach meinem Skiunfall 2009, mit inneren Verletzungen und einem fast einmonatigen Krankenhausaufenthalt, haben viele Menschen zu mir gesagt: Du bist doch schon siebenfache Paralympics-Siegerin, hast alles erreicht. Geh kein weiteres Risiko ein und hör auf. Ich habe mich aber bewusst entschieden, nochmals anzugreifen. Ich wollte meine Sportkarriere selbst gestalten und mit einem Erfolg und positiven Emotionen beenden, nicht mit einem Sturz. Und es hat geklappt: Ein gutes Jahr nach dem Unfall gewann ich mit meinem neuen Begleitläufer bei den Paralympics in Vancouver fünf weitere Goldmedaillen im Biathlon und Langlauf. Was können Frauen, die vor schwierigen Entscheidungen stehen, aus meiner Erfahrung lernen? Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Zweifel eine klare Entscheidung für ihre eigenen Träume und Ziele zu treffen und loszugehen. Frauen dürfen sich erlauben, in Visionen und Möglichkeiten zu denken, Risiken einzugehen und aktiv ihren nächsten Schritt zu wählen, auch wenn andere es nicht für möglich halten. Jede Frau sollte ihr eigenes Ziel als ihre persönliche Goldmedaille definieren und dieses mit Leidenschaft verfolgen, statt auf eine Sicherheit zu warten, die es ohnehin nie gibt.“
Sie ermutigen Frauen, „die Hand zu heben“, wenn Verantwortung verteilt wird. Warum fällt das vielen Frauen noch immer schwer – und wie können wir eine Kultur schaffen, in der mehr Frauen den Mut entwickeln, sichtbarer zu werden?
„Im Leistungssport stehst du oft bei minus 15 Grad am Start, hast 20 Kilometer vor dir, bei Schneefall und eisigem Gegenwind. Und trotzdem läufst du, bis du die Ziellinie überquert hast. Eine solche Haltung braucht es auch im Beruf: nicht warten, bis es sich bequem anfühlt, sondern antreten, obwohl es herausfordernd ist. Frauen dürfen lernen, sich zuzutrauen, auch bei Gegenwind sichtbar zu sein. Und wir als Gesellschaft müssen eine Kultur schaffen, die diesen Mut wertschätzt und feiert.“
Das Motto des Events lautet „Frauen, die Geschichte schreiben“. Wenn Sie auf die nächste Generation blicken: Welche Rahmenbedingungen brauchen junge Frauen heute – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich –, damit sie nicht nur mitlaufen, sondern gestalten können?
„Es ist beschämend, dass wir noch immer über Selbstverständlichkeiten wie gleiche Bezahlung und faire Aufstiegschancen sprechen müssen. Solange Frauen in die Teilzeit gedrängt werden und vor allem Männer das als Lifestyle-Entscheidung abtun, solange fehlende Kinderbetreuung Karrieren systematisch ausbremst, ist von Chancengerechtigkeit keine Rede. Als Präsidentin des Sozialverbands VdK kämpfe ich für verbindliche politische Lösungen, für mehr unternehmerische Verantwortung und eine Gesellschaft, die Care-Arbeit strukturell absichert, denn Gleichstellung ist eine Frage von Gerechtigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und demokratischer Reife.“
Verena Bentele spricht mit Klarheit über Mut, Verantwortung und die Kraft, den eigenen Weg bewusst zu gestalten. Ihre Erfahrungen aus dem Spitzensport und aus der politischen Arbeit zeigen: Erfolg entsteht selten allein – sondern durch Selbstreflexion, Ausdauer und ein starkes Netzwerk an Menschen, die ein gemeinsames Ziel tragen.
Gerade in einer Zeit, in der Fragen von Chancengerechtigkeit, Teilhabe und gesellschaftlicher Verantwortung neu verhandelt werden, erinnert sie daran, dass Fortschritt immer auch eine Frage von Haltung ist. Und dass Frauen, die ihre Stimme erheben, Verantwortung übernehmen und ihre Ziele verfolgen, nicht nur ihre eigene Geschichte schreiben – sondern den Möglichkeitsraum für viele andere erweitern.





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