Gender Bias: Bewerten wir identisches Verhalten wirklich gleich?
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Die unbewusste oder bewusste Verzerrung der Wahrnehmung durch geschlechtsbezogene Stereotype wird auch Gender Bias genannt. Dieser Bias, übersetzt Voreingenommenheit, führt dazu, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich behandelt werden.
Woher kommt dieser Verzerrungseffekt?
Wie es zum Gender Bias (und auch allgemein zu Vorurteilen, Schubladendenken) kommt, lässt sich mithilfe von Neuropsychologie erklären. Wir werden ständig mit einer Masse an Reizen und Informationen konfrontiert, die gefiltert werden müssen. Unser Gehirn ordnet die tägliche Informationsflut mithilfe von kognitiven Kategorien ein, um die Komplexität zu reduzieren. Es nutzt Biases als Instrument, um Personen und Situationen schnell und (vermeintlich) "richtig" einzuordnen, damit Alltagssituationen besser eingeordnet werden können.
"If you have a brain, you have a bias"
Eine dieser Kategorien sind Stereotype, die aber auch zu Verzerrungen und Vorurteilen führen können. So gesehen arbeiten also alle Menschen mit dieser Voreingenommenheit, die zum Problem werden kann, wenn sie nicht hinterfragt wird. Denn wer einen Bias nicht reflektiert, kann schnell davon ausgehen, dass es die Realität abbildet. Somit wird Bekanntes immer wieder reproduziert, obwohl es gegebenenfalls nicht der Realität entspricht.
Stereotype können dabei unter anderem in Bezug auf die Herkunft oder auch auf das Geschlecht vorkommen. Bei geschlechterspezifischen Stereotypen lassen sich Muster in der Kindererziehung, im Arbeitsumfeld, in der Medizin bis hin zur Künstlichen Intelligenz beobachten. (Horvath, L. K., & Blackmore, S. (2021). Nicht mit ihnen und nicht ohne sie: Implizite Biases in der Wissenschaft) Bunsen-Magazin
Typisch Mädchen, typisch Junge?
Geschlechtsspezifische Stereotype können bereits im Kleinkindalter entstehen. Entwicklungspsycholog*innen untersuchten im Rahmen einer Studie zur Geschlechtersozialisation die Erwartungshaltung von Müttern. Sie sollten einschätzen, wie gut ihr elf Monate altes Baby krabbeln kann, Steigungen bewältigt und wie risikobereit es ist. Im Anschluss wurden die tatsächlichen Fähigkeiten getestet. Das Ergebnis: Mütter schätzten ihre Jungen kompetenter ein, bei Mädchen waren sie deutlich vorsichtiger. Doch in der Realität waren die untersuchten Fähigkeiten von Mädchen und Jungen praktisch gleich. Die Jungen waren also nicht kompetenter, sondern wurden nur als kompetenter eingeschätzt. (Mondschein, E. R., Adolph, K. E., & Tamis-LeMonda, C. S. (2000). Gender bias in mothers' expectations about infant crawling) Journal of Experimental Child Psychology
Erwartungen von Eltern prägen, welche Erfahrungen Kinder sammeln können, wie viel Selbstständigkeit ihnen zugetraut wird und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert werden. Unterschiede in der Erziehung können sich bis ins Erwachsenenalter auswirken.
Chancenungleichheit im Beruf
Im Arbeitsumfeld kann oftmals geschlechtsbezogene Voreingenommenheit entstehen, die dazu führt, dass gleich qualifizierte Frauen weniger als Männer verdienen. Auch den Aufstieg zu Führungspositionen kann sie beeinflussen. Heutzutage haben Frauen bereits viel mehr Chancen als noch vor 50 Jahren, sind häufiger in Leitungsrollen vertreten und übernehmen mehr Verantwortung. Dennoch besteht weiterhin geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz, die Frauen berufliche Chancen und Karriereaufstiege verwehrt. Im Vergleich zu gleich qualifizierten Männern haben sie seltener Zugang zu Arbeitsplätzen mit höherer sozialer und finanzieller Vergütung sowie Machtpositionen. Auch die Gender Pay Gap besteht weiterhin, sodass Frauen bei gleichwertiger Arbeit weiterhin weniger verdienen als Männer. (England, P., Levine, A., & Mishel, E. (2020). Progress toward gender equality in the United States has slowed or stalled) Proceedings of the National Academy of Sciences
Die Forschung in diesem Kontext basiert auf der Annahme, dass Geschlechterstereotypen in zwei Kategorien unterteilt werden können: Handlungsfähigkeit und Gemeinschaftssinn. Handlungsfähigkeit, also die Eigenschaft, Dinge in die Hand zu nehmen und Initiative zu ergreifen, wird vorwiegend Männern zugeschrieben. Frauen werden dahingehend oft mit Gemeinschaftssinn in Verbindung gebracht, was Freundlichkeit und Fürsorge umfasst. (Heilman, M. E., Caleo, S., & Manzi, F. (2024). Women at work: Pathways from gender stereotypes to gender bias and discrimination) Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior
Gender Health Gap
In der Medizin sind geschlechtsbezogene Stereotypen ebenfalls spürbar. Viele klinische Studien werden ausschließlich an Männern durchgeführt, mit der Begründung, dass der weibliche Hormonzyklus die Ergebnisse verfälschen könnte. Ara
Dass sich Erkrankungen bei Männern und Frauen jedoch anders äußern können, lässt sich auch am Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachten. Denn gerade im höheren Lebensalter äußert sich ein Herzinfarkt bei Frauen anders, als er in den medizinischen Lehrbüchern beschrieben wird. Auch die Rolle der Hormone und der frauenspezifischen Risikofaktoren sind teilweise unzureichend untersucht, was den Krankheitsverlauf massiv beeinflussen kann. Deutsches Ärzteblatt
KI ist nicht neutral
Auch KI-Systeme sind von diesem Bias nicht ausgenommen. Eine UN-Studie aus 2024 zeigte, dass Sprachmodelle neben sexistischen Inhalten die Begriffe “Familie” oder “Zuhause” überdurchschnittlich häufig mit Frauen assoziieren, bei Männern sind es hingegen Begriffe wie “Karriere” und “Führung”. Künstliche Intelligenz lernt aus Daten, die gesellschaftliche Realität widerspiegeln, inklusive Ungleichheiten. Das kann in bestimmten Kontexten sexistische Inhalte reproduzieren, denn bei KI wird häufig eine Objektivität assoziiert. UN News
Warum das für uns heute relevant ist
Implizite (oder auch kognitive) Biases können unbewusst auf unsere Entscheidungen und Beurteilungen Einfluss nehmen. Beim sogenannten Bias-Management oder auch Bias-Bewusstsein geht es darum, diese Annahmen zu reflektieren, zu akzeptieren und sich darüber auszutauschen, um weniger voreingenommen zu agieren.





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