top of page
f100_logo_darkrose.png
f100_logo_darkrose.png

FRAUEN100 x HEALTH: Wenn das Glück nicht kommt

vor 2 Stunden
5 Min. Lesezeit

Jede siebte Mutter in Deutschland erlebt eine Wochenbettdepression*. Beim

FRAUEN100 Dinner in Kooperation mit Biogen sprachen in der Berliner

Austernbank Ärztinnen, Betroffene, eine Hebamme und eine psychologische Beraterin darüber, was eine postpartale Depression bedeutet, wie man sie früh erkennt und warum

nach einer Geburt nicht nur das Kind Aufmerksamkeit braucht.


Glücksgefühle, ein süßes Baby, kuscheln und sich in Ruhe kennenlernen: Nicht jede

Frau startet so in ihr Leben als Mutter. Etwa 85.000 Frauen erkranken in Deutschland

jährlich an einer postpartalen Depression*. „Was passiert, wenn das Gefühl, das einem

jeder verspricht, einfach nicht eintritt?“, fragt Moderatorin Nele Würzbach zur Eröffnung

des Abends. Sie ist selbst erst vor vier Monaten Mutter geworden.


Kein persönliches Versagen

„Es gibt nach der Geburt nicht nur Glück, sondern eine zweite Realität aus Traurigkeit,

Hoffnungslosigkeit und Angst“, erklärt Dr. Christiane Sommer als erste Speakerin des

Abends. Sie arbeitet als Medical Lead für das Thema postpartale Depression bei

Biogen.


Obwohl die Erkrankung so verbreitet ist, sei sie aus mehreren Gründen nach wie vor

wenig präsent. Zum einen fällt es vielen Familien schwer, eine Depression vom Baby-

Blues zu unterscheiden. Diese sogenannten Heultage erleben rund 80 Prozent der

Frauen kurz nach der Geburt – der plötzliche Hormonabfall, Tränen und Erschöpfung

gehören zur normalen Umstellung und vergehen von selbst. Den Unterschied zur

postpartalen Depression kennt allerdings nur gut jede vierte Person. Zum anderen ist

das Thema mit Scham behaftet: Gerade nach langem Kinderwunsch spüren Frauen

den sozialen Druck, nach außen glücklich zu sein.


Dr. Sommer macht klar: „Postpartale Depression ist kein persönliches Versagen,

sondern eine medizinisch anerkannte Erkrankung, bei der man helfen muss und kann!“

Schnelle Betreuung und die richtige Behandlung machen nicht nur für die Mutter,

sondern auch für das Kind einen Unterschied. Mütter mit einer postpartalen Depression

sind oft nicht mehr in der Lage, ihr Baby zu versorgen. Neben Traurigkeit und

Antriebslosigkeit können starke Ängste oder Zwangsgedanken zum Beispiel dazu

führen, dass sie ihr Kind nicht mehr aus dem Bett nehmen.


„Es ist stark, sich helfen zu lassen“

Dass sie nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch für ihre Kinder Hilfe suchen und

annehmen muss, war für Jule Lobo eine wichtige Erkenntnis. Sie spricht an diesem

Abend als Betroffene. Ihre ersten drei Kinder bekam sie in sehr kurzem Abstand von

jeweils rund einem Jahr. In der dritten Schwangerschaft merkte sie, dass etwas anders

war. Auch ihr Mann bemerkte, wie sie sich zurückzog und antriebslos wurde.

Schließlich entschied sie sich, ärztliche Hilfe zu suchen.



Ein Medikament half ihr, wieder gesund zu werden. Heute weiß sie: Starksein heißt

nicht, durchzuhalten. „Es ist stark, sich helfen zu lassen“, sagt Jule Lobo im Rückblick.

Das Medikament habe nicht nur ihr selbst Freude und Energie zurückgegeben, sondern

auch ihren Kindern die Mutter.


Warum wir darüber reden müssen

Jule Lobo spricht auch über die Idealbilder von Schwangerschaft und Wochenbett, die

sie selbst im Kopf hatte. Gerade auf Social Media wirkt die erste Zeit mit Baby oft

perfekt – an solchen Vorstellungen können Frauen zerbrechen. Nur wenige sprechen

offen über die Krankheit, auch innerhalb einer Familie. Erst später fand sie heraus, dass

schon ihre Urgroßmutter von einer postpartalen Depression betroffen war. Das Wissen

und ihre eigene Erfahrung haben Jule Lobos Blick auf das Thema verändert: „Es wäre

gut, wenn wir anfangen, uns auszutauschen und auch darüber zu sprechen, dass es

Hilfe gibt.“ Eine Depression sei eben nicht wie ein Armbruch, den man schwarz auf

weiß auf dem Röntgenbild erkennen kann.


Auch für Autorin Katharina Render und ihren Mann Tobias war die postpartale

Depression eine Erfahrung, die sie zunächst nicht einordnen konnten. Nach längerem

Kinderwunsch und einer traumatischen Fehlgeburt wurden die beiden Eltern – doch die

Glücksgefühle blieben aus. Katharina erinnert sich an die Gedanken in dieser Zeit: „Ich

dachte, jetzt hast du doch alles, was du willst, jetzt kannst du doch nicht traurig sein“.

Doch zusammenreißen und einfach weitermachen ging nicht. Tobias versuchte, ihr

möglichst viel abzunehmen, aber das, was sie belastete, war für ihn schwer zu greifen.

Er sah die Hilflosigkeit seiner Frau und fühlte sich selbst hilflos. Im Nachhinein empfiehlt

er Paaren, möglichst viel darüber sprechen, wie es der Mutter nach der Geburt geht.


Katharina Render beschloss, über die Erfahrung ihrer Familie in der ZEIT zu schreiben,

und bekam viele Zuschriften. „Mir schrieben zum Beispiel Frauen über 80, dass sie

auch daran litten und jetzt erst verstehen, was passiert ist.“


Sichtbarkeit und Früherkennung als Hilfe

Im Panel ordnen Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler, Hebamme Sissi Rasche und

Alina Grandt, psychologische Beraterin für werdende und junge Mütter, ein, wie eine

postpartale Depression erkannt und Frauen geholfen werden kann.


Alina Grandt wünscht sich, dass der Begriff „Muttertät“ bekannter wird: Die vielen

Umstellungen im Körper und Gehirn einer Frau, der Hormonabfall, aber auch die neue

Situation in der Partnerschaft, finanzielle Sorgen, ein neuer Alltag, Einsamkeit und

Identitätsfragen. Die Geburt öffnet ein vulnerables Fenster für eine Depression, sagt

auch Prof. Dr. Mandy Mangler, umso mehr für Frauen, die bereits selbst oder im

familiären Umfeld mit Depression zu tun hatten. Ein Früherkennungstest wie die

Edinburgh Postnatal Depression Scale könnte helfen, psychische Veränderungen

festzustellen. Die zehn Fragen werden idealerweise zu verschiedenen Zeitpunkten vor

und nach der Geburt wiederholt beantwortet.



Eine wichtige Rolle in der Früherkennung spielen die Hebammen, die Schwangere

schon vor der Geburt und später im Wochenbett begleiten. „Es geht immer um das

Baby, aber selten um die Frau“, sagt Sissi Rasche. Sie wartet deshalb nach der Geburt,

bis eine Frau bereit ist, ihr Kind in Empfang zu nehmen. Die einfache Frage „Wie geht

es dir?“, auch bei Besuchen im Wochenbett, macht einen Unterschied.


Netzwerke schaffen

Doch alle drei sind sich einig: Für junge Mütter ist es schwierig, Unterstützung zu

finden. Baby-Lotsinnen sind Anlaufpunkte direkt nach der Geburt. Das benötigte

Netzwerk aus Psychologinnen und Gynäkologinnen müssen Frauen sich aber oft selbst

zusammensuchen. Es gibt wenige präventive Angebote, und die meisten davon sind

Selbstzahlerleistungen. „Es geht um mehr als Medikamente“, sagt Mangler. Frauen

bräuchten ein Netz an Unterstützung, das sie teils über Jahre begleitet.


Sissi Rasche möchte Anlaufstellen schaffen, die allen Frauen offenstehen – zum

Beispiel Ambulanzen, in denen die verschiedenen Berufsgruppen zusammenarbeiten

und gerade in Akutfällen schnell helfen können. Ihr Appell an die Politik ist, dem Thema

mehr Priorität und stärkere Finanzierung zu geben: „Wir möchten gerne viel mehr

Frauen begleiten, aber wir haben nur zwei Hände.“


Die unsichtbare Geburt

Alina Grandt lenkt den Blick noch einmal auf die besondere Situation, in der sich Frauen

nach der Geburt befinden. Mit dem Muttersein verändert sich, wie Frauen sich selbst

und ihre Umwelt wahrnehmen – viele spüren, dass sie sich weiterentwickelt haben,

aber müssen diese neue Version ihrer selbst erst entdecken, ihre Identität nach der

Geburt neu finden. Grandt fordert deshalb Vorsorgeuntersuchungen auch für die

mentale Gesundheit und regt an, dass Mütter sich mehr austauschen: Die Resonanz

mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben, könne heilsam sein.


Nicht nur die körperliche, sichtbare Geburt, sondern auch die innere Geburt, die in der

Psyche stattfindet, müsse begleitet werden. „Wir sehen immer die Geburt des Kindes

und übersehen dabei die Geburt der Mutter.“ Wenn das Glück nicht kommt, heißt es

nicht, dass eine Frau versagt hat oder eine schlechte Mutter ist – sondern dass sie

genauso viel Hilfe und Aufmerksamkeit braucht, wie das Neugeborene.


Text von Mirijam Trunk


*Quelle: Biogen-292748 v1.0 07/2026



 
 
 

Kommentare


bottom of page