FRAUEN100 x HEALTH: Wenn das Glück nicht kommt

Jede siebte Mutter in Deutschland erlebt eine Wochenbettdepression*. Beim
FRAUEN100 Dinner in Kooperation mit Biogen sprachen in der Berliner
Austernbank Ärztinnen, Betroffene, eine Hebamme und eine psychologische Beraterin darüber, was eine postpartale Depression bedeutet, wie man sie früh erkennt und warum
nach einer Geburt nicht nur das Kind Aufmerksamkeit braucht.
Glücksgefühle, ein süßes Baby, kuscheln und sich in Ruhe kennenlernen: Nicht jede
Frau startet so in ihr Leben als Mutter. Etwa 85.000 Frauen erkranken in Deutschland
jährlich an einer postpartalen Depression*. „Was passiert, wenn das Gefühl, das einem
jeder verspricht, einfach nicht eintritt?“, fragt Moderatorin Nele Würzbach zur Eröffnung
des Abends. Sie ist selbst erst vor vier Monaten Mutter geworden.
Kein persönliches Versagen
„Es gibt nach der Geburt nicht nur Glück, sondern eine zweite Realität aus Traurigkeit,
Hoffnungslosigkeit und Angst“, erklärt Dr. Christiane Sommer als erste Speakerin des
Abends. Sie arbeitet als Medical Lead für das Thema postpartale Depression bei
Biogen.
Obwohl die Erkrankung so verbreitet ist, sei sie aus mehreren Gründen nach wie vor
wenig präsent. Zum einen fällt es vielen Familien schwer, eine Depression vom Baby-
Blues zu unterscheiden. Diese sogenannten Heultage erleben rund 80 Prozent der
Frauen kurz nach der Geburt – der plötzliche Hormonabfall, Tränen und Erschöpfung
gehören zur normalen Umstellung und vergehen von selbst. Den Unterschied zur
postpartalen Depression kennt allerdings nur gut jede vierte Person. Zum anderen ist
das Thema mit Scham behaftet: Gerade nach langem Kinderwunsch spüren Frauen
den sozialen Druck, nach außen glücklich zu sein.
Dr. Sommer macht klar: „Postpartale Depression ist kein persönliches Versagen,
sondern eine medizinisch anerkannte Erkrankung, bei der man helfen muss und kann!“
Schnelle Betreuung und die richtige Behandlung machen nicht nur für die Mutter,
sondern auch für das Kind einen Unterschied. Mütter mit einer postpartalen Depression
sind oft nicht mehr in der Lage, ihr Baby zu versorgen. Neben Traurigkeit und
Antriebslosigkeit können starke Ängste oder Zwangsgedanken zum Beispiel dazu
führen, dass sie ihr Kind nicht mehr aus dem Bett nehmen.
„Es ist stark, sich helfen zu lassen“
Dass sie nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch für ihre Kinder Hilfe suchen und
annehmen muss, war für Jule Lobo eine wichtige Erkenntnis. Sie spricht an diesem
Abend als Betroffene. Ihre ersten drei Kinder bekam sie in sehr kurzem Abstand von
jeweils rund einem Jahr. In der dritten Schwangerschaft merkte sie, dass etwas anders
war. Auch ihr Mann bemerkte, wie sie sich zurückzog und antriebslos wurde.
Schließlich entschied sie sich, ärztliche Hilfe zu suchen.

Ein Medikament half ihr, wieder gesund zu werden. Heute weiß sie: Starksein heißt
nicht, durchzuhalten. „Es ist stark, sich helfen zu lassen“, sagt Jule Lobo im Rückblick.
Das Medikament habe nicht nur ihr selbst Freude und Energie zurückgegeben, sondern
auch ihren Kindern die Mutter.
Warum wir darüber reden müssen
Jule Lobo spricht auch über die Idealbilder von Schwangerschaft und Wochenbett, die
sie selbst im Kopf hatte. Gerade auf Social Media wirkt die erste Zeit mit Baby oft
perfekt – an solchen Vorstellungen können Frauen zerbrechen. Nur wenige sprechen
offen über die Krankheit, auch innerhalb einer Familie. Erst später fand sie heraus, dass
schon ihre Urgroßmutter von einer postpartalen Depression betroffen war. Das Wissen
und ihre eigene Erfahrung haben Jule Lobos Blick auf das Thema verändert: „Es wäre
gut, wenn wir anfangen, uns auszutauschen und auch darüber zu sprechen, dass es
Hilfe gibt.“ Eine Depression sei eben nicht wie ein Armbruch, den man schwarz auf
weiß auf dem Röntgenbild erkennen kann.
Auch für Autorin Katharina Render und ihren Mann Tobias war die postpartale
Depression eine Erfahrung, die sie zunächst nicht einordnen konnten. Nach längerem
Kinderwunsch und einer traumatischen Fehlgeburt wurden die beiden Eltern – doch die
Glücksgefühle blieben aus. Katharina erinnert sich an die Gedanken in dieser Zeit: „Ich
dachte, jetzt hast du doch alles, was du willst, jetzt kannst du doch nicht traurig sein“.
Doch zusammenreißen und einfach weitermachen ging nicht. Tobias versuchte, ihr
möglichst viel abzunehmen, aber das, was sie belastete, war für ihn schwer zu greifen.
Er sah die Hilflosigkeit seiner Frau und fühlte sich selbst hilflos. Im Nachhinein empfiehlt
er Paaren, möglichst viel darüber sprechen, wie es der Mutter nach der Geburt geht.

Katharina Render beschloss, über die Erfahrung ihrer Familie in der ZEIT zu schreiben,
und bekam viele Zuschriften. „Mir schrieben zum Beispiel Frauen über 80, dass sie
auch daran litten und jetzt erst verstehen, was passiert ist.“
Sichtbarkeit und Früherkennung als Hilfe
Im Panel ordnen Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler, Hebamme Sissi Rasche und
Alina Grandt, psychologische Beraterin für werdende und junge Mütter, ein, wie eine
postpartale Depression erkannt und Frauen geholfen werden kann.
Alina Grandt wünscht sich, dass der Begriff „Muttertät“ bekannter wird: Die vielen
Umstellungen im Körper und Gehirn einer Frau, der Hormonabfall, aber auch die neue
Situation in der Partnerschaft, finanzielle Sorgen, ein neuer Alltag, Einsamkeit und
Identitätsfragen. Die Geburt öffnet ein vulnerables Fenster für eine Depression, sagt
auch Prof. Dr. Mandy Mangler, umso mehr für Frauen, die bereits selbst oder im
familiären Umfeld mit Depression zu tun hatten. Ein Früherkennungstest wie die
Edinburgh Postnatal Depression Scale könnte helfen, psychische Veränderungen
festzustellen. Die zehn Fragen werden idealerweise zu verschiedenen Zeitpunkten vor
und nach der Geburt wiederholt beantwortet.
Eine wichtige Rolle in der Früherkennung spielen die Hebammen, die Schwangere
schon vor der Geburt und später im Wochenbett begleiten. „Es geht immer um das
Baby, aber selten um die Frau“, sagt Sissi Rasche. Sie wartet deshalb nach der Geburt,
bis eine Frau bereit ist, ihr Kind in Empfang zu nehmen. Die einfache Frage „Wie geht
es dir?“, auch bei Besuchen im Wochenbett, macht einen Unterschied.
Netzwerke schaffen
Doch alle drei sind sich einig: Für junge Mütter ist es schwierig, Unterstützung zu
finden. Baby-Lotsinnen sind Anlaufpunkte direkt nach der Geburt. Das benötigte
Netzwerk aus Psychologinnen und Gynäkologinnen müssen Frauen sich aber oft selbst
zusammensuchen. Es gibt wenige präventive Angebote, und die meisten davon sind
Selbstzahlerleistungen. „Es geht um mehr als Medikamente“, sagt Mangler. Frauen
bräuchten ein Netz an Unterstützung, das sie teils über Jahre begleitet.
Sissi Rasche möchte Anlaufstellen schaffen, die allen Frauen offenstehen – zum
Beispiel Ambulanzen, in denen die verschiedenen Berufsgruppen zusammenarbeiten
und gerade in Akutfällen schnell helfen können. Ihr Appell an die Politik ist, dem Thema
mehr Priorität und stärkere Finanzierung zu geben: „Wir möchten gerne viel mehr
Frauen begleiten, aber wir haben nur zwei Hände.“
Die unsichtbare Geburt
Alina Grandt lenkt den Blick noch einmal auf die besondere Situation, in der sich Frauen
nach der Geburt befinden. Mit dem Muttersein verändert sich, wie Frauen sich selbst
und ihre Umwelt wahrnehmen – viele spüren, dass sie sich weiterentwickelt haben,
aber müssen diese neue Version ihrer selbst erst entdecken, ihre Identität nach der
Geburt neu finden. Grandt fordert deshalb Vorsorgeuntersuchungen auch für die
mentale Gesundheit und regt an, dass Mütter sich mehr austauschen: Die Resonanz
mit Frauen, die Ähnliches erlebt haben, könne heilsam sein.
Nicht nur die körperliche, sichtbare Geburt, sondern auch die innere Geburt, die in der
Psyche stattfindet, müsse begleitet werden. „Wir sehen immer die Geburt des Kindes
und übersehen dabei die Geburt der Mutter.“ Wenn das Glück nicht kommt, heißt es
nicht, dass eine Frau versagt hat oder eine schlechte Mutter ist – sondern dass sie
genauso viel Hilfe und Aufmerksamkeit braucht, wie das Neugeborene.
Text von Mirijam Trunk
*Quelle: Biogen-292748 v1.0 07/2026





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