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Mental Load is real!

Wir müssen nicht perfekt sein und auch nicht alles alleine schaffen.


Sie ist unsichtbar und daher in Beziehungen nur schwer zu greifen: Mental Load. Sie ist die versteckte Ungleichheit, die Frauen nicht nur in ihren Karrieren ausbremsen, sondern sie auch gesundheitlich belasten kann. Zeit also, dass wir ihr einen Riegel vorschieben.



“Ich kann nicht zu 100 Prozent Berufsfrau, zu 100 Prozent Mutter und Hausfrau und zu 100 Prozent Partnerin sein. (...) Denn dann bin ich innerhalb kürzester Zeit ein 300-prozentiges Wrack.” Die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Renate Schmidt hat mit diesem Statement einen sehr guten Punkt, den wir uns öfter ins Gedächtnis rufen sollten. Denn als Frauen versuchen wir stets in jedem Lebensbereich alles zu geben. Wir wollen fürsorgliche Partnerinnen und gute Mütter sein, die die besten Kindergeburtstage ausrichten, außerdem wollen wir beruflich Top-Performances hinlegen – ohne, dass sich dabei das Geschirr in der Spüle stapelt. Und das geht sicher auch eine Zeit lang, bis es irgendwann nicht mehr geht und die To-do-Liste im Kopf kein Ende mehr nimmt. Sich neben dem Job um die Haus- und Care-Arbeit zu kümmern, erfordert nämlich auch die Organisation dieser Alltagsaufgaben. Und das kann, wenn man nicht aufpasst, irgendwann zu einer Überlastung führen, zu einem ständigen Grundrauschen im Kopf, das man auch Mental Load nennt. Und die ist sehr real, auch wenn sie sich nur schwer greifen lässt.


Die Pandemie hat einmal mehr verdeutlicht wie ungleich die Erwerbs- und Hausarbeit immer noch zwischen den Geschlechtern verteilt ist: Die Mehrbelastung durch Homeschooling sowie das höhere Arbeitspensum durch das Homeoffice hat viele Frauen an ihre Grenzen gebracht. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat in einem Dossier über die Rollenverteilung im privaten Bereich die Gender Care Gap ermittelt, mit dem Ergebnis, dass Frauen 52,4 Prozent mehr Zeit am Tag mit Care-Arbeit verbringen, als ihre Partner. Besonders hoch ist die Gap jedoch für Frauen Mitte dreißig, also einer Lebensphase, in der vermehrt kleine Kinder betreut werden müssen. Hier liegt die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern bei 110,6 Prozent. Heißt konkret: Frauen wenden täglich fünf Stunden und 18 Minuten für Kinderbetreuung und Haushalt auf, Männer hingegen nur zwei Stunden und 31 Minuten.


Diese Zahlen bilden jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Alles unterhalb der Oberfläche ist Mental Load, das Gedankenkarussell, das sich nonstop dreht, um ebendiese 110,6 Prozent am Laufen zu halten. Wer unter dieser Belastung leidet, die Symptome wie chronische Erschöpfung, Schlafstörungen, Gereiztheit oder Vergesslichkeit mit sich bringen kann, weiß, dass die Arbeit zu Hause ungleich verteilt ist. Doch die eigenen Ansprüche alles auf die Kette zu bekommen, machen es oftmals schwer Aufgaben abzugeben. Deshalb wäre es auch zu einfach, den Partnern die alleinige Schuld zu geben.

Natürlich ist es nicht richtig, dabei zuzusehen, wie sich die Partnerin neben ihrem Job zu Hause tagtäglich emotional und körperlich aufreibt. Doch Männer und Frauen sind nun mal auch die Ergebnisse ihrer Sozialisation. Ein Junge wird nicht mit dem genetischen Bedürfnis geboren, irgendwann kaum am Leben seiner eigenen Kinder teilzuhaben und stattdessen arbeiten zu gehen. Ebenso wenig wie es die genetische Disposition für ein Mädchen ist irgendwann 110,6 Prozent der Care-Arbeit zu übernehmen. Diese Realität erschaffen wir. Und in der geht der Mann raus und verdient das Geld, die Frau bzw. das Mädchen bekommt die Babypuppe in die Hand gedrückt und wird in die Spielzeugküche gestellt. Oder anders gesagt: Frauen werden dazu erzogen, sich zu kümmern. Sie sehen es bei ihren Müttern, Großmüttern und Tanten. Im Übrigen können natürlich auch Männer von Mental Load betroffen sein. Doch das ist sehr viel seltener der Fall.


Dass das alles nicht richtig ist, ist den meisten von uns im Jahr 2023 klar. Die Zahlen beweisen jedoch, wie schwierig es ist, diese Strukturen zu durchbrechen. Deshalb erfordert es auch beide Seiten, damit sich etwas ändert. Gelingt das, kann man den patriarchalen Kreis brechen und seinen Kindern eine andere Welt vorleben, in der Mütter und Väter selbstverständlich alle Bereiche des gemeinsamen Lebens fair untereinander aufteilen. Um diese Realität zu schaffen, bedeutet das aber auch, dass Frauen anfangen müssen Aufgaben abzugeben und von ihren Partnern einzufordern, denn beruflich kürzerzutreten, führt am Ende in eine ökonomische Abhängigkeit und gefährdet die eigene Alterssicherung. Automatisch in Teilzeit zu gehen oder eine Zeit lang gar nicht arbeiten zu gehen, mag im ersten Moment alles etwas entzerren, doch langfristig wird einem diese Entscheidung finanziell schaden. Zudem führt sie in der Summe dazu, dass Frauen in entscheidenden Phasen ihrer Karriere aussteigen, womit eine gleichberechtigte wirtschaftliche Teilhabe beinahe unmöglich wird. Im Idealfall setzt man sich als Paar vor entscheidenden Lebensabschnitten, wie dem Zusammenzuziehen, dem Heiraten oder dem Kinderkriegen hin und bespricht, wie künftig die Aufgaben verteilt werden sollen.

Denn das einzige, das gegen Mental Load hilft und die Gender Care Gap schließen kann, ist eine faire Verteilung der Verantwortungsbereiche. Wir müssen nicht für alle mitdenken. Und vor allem müssen wir nicht “perfekt” sein. Wenn sich am Abend das Geschirr in der Spüle stapelt und die letzten Mails vom Tag unbeantwortet bleiben, geht davon die Welt definitiv nicht unter. Wir sind keine Übermenschen, doch alles alleine zu stemmen, verlangt einem irgendwann Übermenschliches ab. Es ist in Ordnung und wichtig, sich ab und an auch mal gedanklich auszuklinken – und sich dann mal nur um sich selbst zu kümmern.


von Sarah Thiele

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