FRAUEN100 x Politics

Michelle Obama: "Frauen müssen permanent Demütigungen wie Cat-Calling, Groping, Übergriffe und Diskriminierung ertragen. Diese Dinge verletzen uns. Sie zehren an unserer Kraft.“

Die entscheidende Frage für Obama ist aber: "Geben wir uns mit der Welt zufrieden, wie sie ist, oder arbeiten wir für eine Welt, wie sie sein sollte?".



In Berlin kamen in der vorletzten Sitzungswoche vor der parlamentarischen Sommerpause zu der Veranstaltung „Frauen100 X Politics“ mehr als 100 der einflussreichsten Frauen aus Politik und Journalismus genau dafür zusammen; um sich nicht zufrieden zu geben, um an einer gemeinsamen Mission zu arbeiten, um sich auszutauschen und zu solidarisieren: Für eine Politik und Gesellschaft in der Gleichberechtigung gelebt und Diskriminierung nicht mehr toleriert wird – einer Welt wie sie schon längst sein sollte.


„Die Zeit der Frauen ist jetzt“, erklärte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Marie-Agnes Strack-Zimmermann, in ihrer Ansprache. Der Krieg in der Ukraine habe sie sprachlos gemacht. Doch besonders in dieser Krise zeige sich erneut die immens wichtige Rolle der Frauen: „Viele sind allein auf der Flucht mit ihren Kindern und viele sind in die Ukraine zurückgekehrt, um sich in den Kampf zu begeben“. Es seien nicht die goldenen 20er auf die sich alle gefreut hätten und es würden schwere Zeiten auf alle zukommen, aber daraus etwas zu machen, das sei eine große Chance, ruft Strack-Zimmermann die Gäste auf: „Solidarität heißt, sich zu unterstützen und sich zu wählen und füreinander da zu sein. Und wir dürfen nicht nur drüber reden, wir müssen es auch machen.“


Im Wintergarten des Hotels Adlon Kempinski dreht sich der Abend, durch den die Unternehmerin Verena Pausder führte, rund um parteiübergreifende Frauensolidarität. Ziel sei es, parteiübergreifende Netzwerke und Solidarität unter Frauen in der Politik zu stärken, erklärt eine der Initiatorinnen der Frauen100-Bewegung, Felicitas Karrer: „Zahlreiche Studien belegen, dass Frauen in der Öffentlichkeit härter angegangen werden als Männer und dass bei Frauen häufiger der Versuch unternommen wird, sie beispielweise durch Online-Gewalt zum Schweigen zu bringen.“


Die parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner sieht nach ihrer Zeit im EU-Parlament in Brüssel, deutlichen Aufholbedarf in Deutschland, was die Vereinbarkeit von Familie und politischem Alltag betrifft. Netzwerkveranstaltungen in Brüssel seien beispielsweise grundsätzlich Lunch-Events. In Berlin würde sich fast alles abends abspielen. Sie sei auch lange als „faul“ bezeichnet worden, weil sie spät abends oft nicht zu Abstimmungen kommen konnte. Der Grund für ihre Abwesenheit sei ihre kleine Tochter gewesen, erzählt Brandtner. „Ich habe mich dann immer entschuldigt, bis ich gemerkt habe, dass ich mich nicht dafür entschuldigen muss, Mutter zu sein“.


Auch würden Frauen in ihrer Karriere noch immer ungleich mehr auf ihr Äußeres reduziert und diskriminiert werden - „doppelt so oft wie Männer“, führt Verena Pausder eine Studie an. Und eben diese strukturellen Formen der Diskriminierung solidarisierte die Frauen an diesem Abend über ihre Parteizugehörigkeit hinweg.


Auch die wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU, Julia Klöckner, berichtet, in ihrer Karriere immer wieder Situationen wie diese erlebt zu haben: „Wenn mich mal wieder jemand als Weinkönigin bezeichnet hat, habe ich erwidert: Ich habe auch Abitur und Führerschein“, so Klöckner. Und eben in solchen Momenten, brauche es andere Frauen, um darauf hinzuweisen.


„Wir müssen starke, auf Solidarität aufbauende Netzwerke bilden, um genau diesen Themen Gehör zu verschaffen und Veränderung zu bewirken", erklärt Janina Hell, Gründerin des Netzwerks Frauen100. Es gehe nicht darum, dass alle einer Meinung sind, sondern um einen respektvollen Umgang im Spannungsfeld unterschiedlicher Sichtweisen.


Strack-Zimmermann sieht alle in der Verantwortung einzugreifen, wenn Männer Frauen auf Äußerlichkeiten reduzierten, auf etwas das nicht fachlich ist: „Wenn man sich auf lackierte Fingernägel oder Schuhe reduzieren lassen muss, dann frag ich mich in welcher Welt leben wir denn?“.


Angela Merkel sagte einmal, sie habe unterschätzt, was der Widerstand in der Wirtschaft gegen Frauen sei, erzählt Klöckner: „Und was hat man alles über ihre Frisur geschrieben!“. Klöckner fordert Solidarität in der Politik - auch im Journalismus. Früher sei sie gegen die Frauenquote gewesen, heute nicht mehr: „Die Quote ist eine Krücke und Brücke hin zur Normalität.


SPD-Politikerin Sawsan Chebli fordert „jede Frau in einer Führungsposition“ müsse andere Frauen mit sich ziehen, weil am Ende nur das etwas verändere.

Ihr Appell an die Frauen100-Gäste: „Greift nach Macht, denn kein Mann gibt sie euch freiwillig.“


Es müsse ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, damit es auffällt, wenn keine Frauen anwesend sind, fordert die stellvertretende CSU/CDU-Fraktionsvorsitzende für Familie und Kultur, Dorothee Bär: „Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass nicht jede Generation immer wieder die gleichen Kämpfe zu kämpfen hat!“


Von einem dieser Kämpfe, der auch für nachfolgende Generationen eine Arbeitswelt, wie sie sein sollte, schaffen soll, erzählt Ursula Karven. Die Schauspielerin hat im vergangenen Jahr eine Petition gegen Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz gestartet. Diese habe es zwar in den Koalitionsvertrag geschafft, das wäre aber noch kein Erfolg. Erst wenn die Konvention es in die Realität geschafft hat, bewirkt sie überhaupt etwas für die über 100.000 Unterstützer*innen, erklärt Karven und ruft die anwesenden Politikerinnen auf, sie bei diesem Schritt zu unterstützen.


von Maike Backhaus