FRAUEN100 - Juli 2022

„Zu einem 400-Meterlauf treten ein Mann und eine Frau an. Der Mann mit 20 Metern Vorsprung und in einem sportlichen Outfit. Die Frau mit einem Rucksack aus dem zwei Kinder schauen und vor ihr mehrere Hürden. Die Frage wer so am Ende schneller ist, ist müßig.“ Mit diesen Sätzen zitierte die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Bärbel Bas, die SPD-Politikerin Regine Hildebrandt in ihrer Rede anlässlich der jüngsten FRAUEN100 Veranstaltung auf der Dachterrasse des Hotel de Rome‘s. Hildebrandt beschrieb mit diesem Bild schon damals, was auch für die darauffolgende Generation von Frauen gelten sollte und weshalb an diesem Abend erneut mehr als 160 der erfolgreichsten Frauen der Nation über den Dächern Berlins zusammenkamen.



Frauen, die es trotz unterschiedlichst gefüllter Rucksäcke und patriarchalem Hürdenlauf in Aufsichtsräte, auf Leinwände, in Ministerien, auf Siegertreppchen, in Regierungen, Entscheidungs- und Gestaltungs-Positionen geschafft haben und sich gemeinsam gegen geschlechterspezifisch ungleiche Bedingungen dafür einsetzen jene Hürden und unfairen Vorsprünge aus dem Weg zu räumen und das Gewicht der Rucksäcke miteinander zu teilen: Einer gemeinsamen Mission die mit FRAUEN100 an diesem Abend ihr einjähriges Jubiläum feierte.


„Ich finde die Plattform FRAUEN100 so gut, weil sie groß denkt. Sie bringt starke Frauen aus Wirtschaft, Politik, Medien, Unterhaltung und auch aus dem Sport zusammen. Das ist ein übergreifendes Netzwerk und das ist genau der Ansatz, den wir brauchen. Wir müssen noch viel tun, um echte Gleichberechtigung zu erreichen“, erklärte Bas.


Sie selbst erzählt aus ihrem Alltag in der Politik, der nach wie vor schwer mit einem Familienleben zu vereinbaren sei. Lange Abende und unkalkulierbare Zeiten führten zu abschreckenden Strukturen.


Die Bundestagspräsidentin zitierte eine kürzlich erschienene LinkedIn Studie, nach der Deutschland in puncto „weibliche Führungskräfte“ nur knapp vor den Arabischen Emiraten und Indien landete. Die Diagnose dieser nationalen Fehlleistung: Es mangele an frühzeitiger Förderung von Frauen auf allen Ebenen. Diesem strukturellen Problem sei die Politik mit der viel umstrittenen Quote begegnet – ohne diese stießen Frauen bisher nunmal letztlich immer wieder gegen gläserne Decken, Führungsetagen seien oft noch Männervereine.


„Ich möchte Sie alle ermutigen, nutzen Sie Chancen, die Ihnen geboten werden. Am Ende ist es wichtig, dass wir eine Gesellschaft haben, die allen eine Chance gibt und wir ein Gemeinwesen haben, in dem jeder und jede seine Talente voll entfalten kann“, appelliert Bas an die FRAUEN100-Gäste.


Denn: „Frauen, die Nichts fordern werden beim Wort genommen und sie bekommen nichts.“ Simon de Beauvoir fasste schon im 20. Jahrhundert zusammen, was laut Bärbel Bas nach wie vor gelte: „Nichts fällt Frauen einfach in den Schoß“. Deshalb müssten Frauen ihre berechtigten Ansprüche auf Teilhabe klar artikulieren und Rechte aktiv einfordern – auch noch im 21. Jahrhundert.


In den vergangenen Jahrzehnten habe man bereits einiges erreicht, zum ersten Mal sei zum Beispiel die Bundesregierung nun paritätisch besetzt, im Präsidium des Bundestags seien Frauen sogar in einer klaren Überzahl. Diese Fortschritte müssten hochgehalten werden, um zu zeigen, Hartnäckigkeit zahlt sich aus: „Und deshalb brauchen wir Förder- und Mentoren-Programme und starke Netzwerke wie FRAUEN100.“


Die Vielzahl und Diversität der Themen des Abends machten deutlich, wie viel Hartnäckigkeit, Zusammenhalt und Kraft noch gebraucht wird, aber auch, wie entschlossen bereits gekämpft wird und bereits wurde.


Model und Gründerin der „Toni Garrn Foundation“ Toni Garrn, leitete als Moderatorin durch den Abend der unter dem Motto „Selbst Ohne Zweifel“, mit Taft als offiziellem Partner stand.


Katharina Herzog, Geschäftsführerin bei Henkel Beauty Care, stellte die Studienergebnisse der diesjährigen Taft Studie vor. Diese zeigten, dass Frauen zwar sehr gut darin seien, anderen Komplimente zu machen – wenn es darum gehe, über die eigenen Stärken zu sprechen, gäbe es aber noch Nachholbedarf: „Wir haben es uns mit Taft zur Aufgabe gemacht, auf diesen Gap aufmerksam zu machen und Frauen so selbstbewusst und stark zu zeigen, wie sie sind.“


Olympiasiegerin Kristina Vogel sprach über ihr Körper- und Selbstbewusstsein: „Vor meinem Unfall habe ich mich sehr viel über Komplimente von außen definiert. Meine körperliche Stärke und mein sportlicher Erfolg haben es mir hier sehr leicht gemacht. Nach meinem Unfall musste ich mich neu definieren und mir die Frage stellen: Wie kann ich mich selbst lieben, wenn ich keine Komplimente von außen mehr bekomme. Das Wichtigste für mich war die Erkenntnis, dass ich mein neues Ich so akzeptieren muss, wie es ist. Ich habe mich immer wieder im Spiegel angeschaut und nach Eigenschaften gesucht, die ich an mir mag. Diese habe ich hervorgehoben und mir immer wieder selbst gesagt, wie tapfer, mutig und einzigartig ich bin.“


Man sei oft stärker als man denke, sagt Vogel. Viele Sachen traue man sich nicht zu, bis man auf einmal vor einer Aufgabe stehe und feststelle, dass es doch gehe. Eine Querschnittslähmung sei auch nichts, von dem sie früher gedacht habe: „Ja, geil, schaff‘ ich irgendwann.“ Die Bahnrad-Olympiasiegerin war 2018 beim Training schwer gestürzt und sitzt seither im Rollstuhl. Damals habe sie sich Gedanken gemacht, was am besten ausdrücke: „Ich bin gefallen. Ich bin aufgestanden. Ich bin immer noch Ich. Nur anders.“


Schauspielerin und Aktivistin Katja Riemann hielt eine Rede ausgehend vom Thema Selbstbestimmung von Frauen über ihren eigenen Körper und der Bedeutung die dieses Recht gesellschaftspolitisch übergeordnet für alle hat: „Wenn wir bemerken, dass Frauen exkludiert oder limitert werden, dass ihre Rechte eingeschränkt und abgeschafft werden, dann sollte unsere Frauen-Warn-App rot leuchten.“ Riemann warnte vor der „stückweise voranschreitende Aberkennung von Frauenrechten in der Türkei, in Afghanistan, in Polen, den Vereinigten Staaten“. Um Staaten aus einer Demokratie zu hebeln oder sie gar nicht erst in eine solche zu transformieren, beginne man oft in patriarchaler Tradition mit den Frauen.


Sie seien die ersten deren Rechte „flöten gehen“, die legal mundtot gemacht würden. In diesem Zusammenhang verwies sie auf das Recht auf Abtreibung, einem der persönlichsten Rechte einer Frau, einer Entscheidung die, so Riemann, nur von Frauen selbst getroffen werden dürfe: „Mein Leben hätte einen anderen Verlauf genommen, hätte ich mit 19 Jahren nicht abgetrieben, nicht abtreiben dürfen. Man kann Abtreibungen nicht verbieten. Man kann nur sichere Abtreibungen verbieten“, erklärte die Schauspielerin und sprach sich für einen Kampf von Frauen und Männern gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen aus.


Die ukrainische Sängerin Lilya hielt vor ihrem Auftritt eine bewegende Rede, in der sie ihre traumatischen Erfahrungen aus dem Krieg in ihrer Heimat erzählte. Einer Situation, die der gesamten ukrainischen Bevölkerung unfassbares abverlange, eine Situation die weiterhin Aufmerksamkeit, Solidarität und Hartnäckigkeit aller Alliierten von freier Demokratie und Menschenrechten bedürfe.


Ein ganz besonderer musikalischer Moment dieses Abends über den Dächern Berlins war für alle der Auftritt von Sängerin Carolin Niemczyk, die den eigends für die FRAUEN100-Bewegung kreierten Song „RICH MAN“ performte.


„Es ist so wichtig, dass wir Frauen uns gegenseitig helfen und gemeinsam für eine gleichberechtigte Gesellschaft einstehen. Ich wurde dann von Janina und Fee gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, den Soundtrack zu FRAUEN100 zu schreiben. Ich hatte dazu so viele Ideen und Gedanken, dass ich den Song in ein paar Tagen im Studio fertig hatte. Für mich als Künstlerin ist es eine großartige Möglichkeit, meine Stimme zu nutzen und mich damit für mehr Gleichberechtigung und mehr Solidarität unter Frauen einzusetzen.“ Die Popnummer mit R&B-Grooves ist ein Charity-Song, dessen gesamte Erlöse an die Frauenhäuser der Caritas gespendet werden.


Text by Maike Backhaus