top of page
F100_schwarz_rosa.png

Wo bleibt der Wickeltisch für Papa? Ein feministischer Blick aufs stille Örtchen

7. August 2025

Wickeln? Ja. Aber bitte auf der Damentoilette. In vielen öffentlichen Gebäuden sind Wickeltische weiterhin nur dort zu finden – als wäre Care-Arbeit per Gesetz weiblich. Väter und nicht-binäre Eltern? Müssen improvisieren oder sich höflich auf der Frauentoilette anmelden. Was wie ein Anachronismus klingt, ist Alltag – und zeigt: Gleichstellung endet oft an der Toilettentür.


Willkommen im Jahr 2025, wo das Patriarchat langsam aber sicher auf der Toilette erwischt wird – genauer gesagt, auf dem Herren-WC. Oder besser: vor der Tür, denn drinnen ist für Väter mit Wickelkindern meist kein Platz. Kein Wickeltisch weit und breit. Dabei ist das Problem nicht neu, aber offenbar so alt, dass es schon wieder ignoriert wird. In New York ist man da weiter. Schon 2019 beschloss man dort: Öffentliche Gebäude müssen Wickeltische in Männer- und Frauentoiletten haben. Weil – Überraschung – auch Väter Kinder haben. Und non-binäre Eltern. Und nicht jede*r, der Windeln wechselt, tut dies im Rock und mit Lippenstift.


Das Gender-Toiletten-Paradox


Hierzulande hingegen: Fehlanzeige. Wickeltische sind weiterhin fester Bestandteil der Frauenbereiche. Warum? Weil Care-Arbeit immer noch weiblich gedacht wird. Und weil Männer im Wickelbusiness scheinbar maximal ein Nebenjob zugestanden wird. Und wenn Papa mal allein unterwegs ist? Dann hilft nur die gute alte Improvisation. Im Stehen. In der Hocke. Auf dem Toilettenboden. Oder – mutig, mutig – auf der Damentoilette. Knigge inklusive.


Denn ja, laut Knigge-Expertin ist das okay – aber nur mit höflicher Vorankündigung, versteht sich. Also: Papa fragt beim Service höflich nach, eine Frau geht rein, kündigt ihn an, und wenn alle zustimmen, darf er endlich wickeln. Aufklärung trifft auf Absurdität.


Die Wickeltischfrage ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Brennglas für strukturelle Ungleichheiten. Sie zeigt: Gleichstellung endet oft an der Tür zur Toilette. Denn wo Wickeln zur reinen Frauensache erklärt wird, wird auch klar, wem die Gesellschaft Verantwortung zuschreibt – und wem eben nicht. Selbst Paare, die sich die Care-Arbeit zu Hause partnerschaftlich teilen, stoßen draußen an die Schranken jahrhundertealter Rollenzuschreibungen. Die Realität ist ein Rückfall in den Mental Load von 1950.


„Stillen ist unhygienisch” – wirklich?


Und wer glaubt, das Thema Wickeltisch sei eine Randnotiz, der möge sich bitte mit der Paralleldebatte ums Stillen befassen: Laut einer Umfrage empfinden 19 % der Österreicher:innen öffentliches Stillen als unhygienisch. Hygienisch – wohlgemerkt – nicht unpassend oder irritierend. Ein Baby an der Brust wird also als Problem gesehen. Während ein oberkörperfreier Mann im Park kaum eine Augenbraue hebt. Da fragt man sich: Liegt das Problem in der Brust – oder darin, wer sie benutzt?


Feminismus beginnt auf der Toilette


Gleichstellung muss dahin, wo sie am seltensten stattfindet: ins Alltagspraktische. Auf die Toilette. In die Wickelecke. In die Gastro. In die Architekturplanung. In die Köpfe von Betreibern, Entscheidungsträger:innen – und ja, auch in die Elternschaft. Denn Gleichberechtigung bedeutet auch, dass Papa nicht mit akrobatischem Spagat im Pissoir Windeln wechseln muss. Oder peinlich durch den Vorraum der Damentoilette schleicht.


Empowerment heißt auch: Infrastruktur für alle. Wer Fortschritt will, sollte nicht nur an Frauenquote und Equal Pay denken, sondern an die ganz praktischen Fragen: Wo wird gewickelt, gestillt, gepflegt, versorgt? Wer bekommt Raum – und wer muss ihn sich erst erbetteln? 


Vielleicht braucht’s nicht nur Wickeltische auf allen Toiletten, sondern auch ein neues Verständnis davon, was Fürsorge ist – und wer sie leisten darf. Denn: Wer Wickeltische nur den Frauen überlässt, wickelt nicht nur Babys aus – sondern auch Gleichstellung.


Text von Rebecca Stringa

Aktuelle Beiträge

Frauen, Politik

Rosa, teuer und einfach frech – die „Pink Tax“

Frauen, Gesundheit

Wenn Medizin Maennersache bleibt – die Gender Health Gap

Frauen, Gesellschaft

Catcalling – wenn Joggen zur Mutprobe wird

bottom of page