Schwedens Gleichstellungsministerin Nina Larsson: „Gleichstellung ist gute Zukunftspolitik!“
15. Dezember 2025

Seit dem 1. April 2025 ist Nina Larsson neue Ministerin für Gleichstellung und Arbeitsleben im schwedischen Kabinett von Ulf Kristersson. Die Regierung stellte sie Anfang April offiziell vor – in einer Zeit, in der Fragen der Gleichstellung wieder stärker unter Druck geraten. Larsson bringt eine ungewöhnliche und prägende berufliche Laufbahn mit: Sie war Berufsoffizierin, Abgeordnete im schwedischen Reichstag und Generalsekretärin ihrer Partei.
„Ich bin stolz, dieses Amt in einer Phase zu übernehmen, in der die Gleichstellung zunehmend angegriffen wird“, sagte sie bei ihrer Ernennung. „Mit meinem Hintergrund als Offizier weiß ich, dass Gleichstellung es wert ist, verteidigt zu werden. Religiöse Extremisten und andere konservative Kräfte bedrohen liberale Werte – das dürfen wir niemals akzeptieren.“
Im Gespräch mit FRAUEN100 spricht Nina Larsson über den Druck auf feministische Errungenschaften, digitale Risiken für junge Menschen, europäische Gleichstellungsstandards und die wirtschaftliche Bedeutung von Vielfalt.
Ein Amt mit Signalwirkung
Ihre ersten Monate im Amt beschreibt Larsson als „große Chance“. Gleichstellung sei heute ein Querschnittsthema, das alle politischen Felder berühre – von der Arbeitsmarktpolitik bis zur Verteidigung. „Wir sehen Angriffe auf die Gleichstellung weltweit, aber auch innerhalb Schwedens. Umso wichtiger ist es, dass Ministerien zusammenarbeiten, weil die Gleichstellung in jeder politischen Zuständigkeit eine Rolle spielt“, erklärt sie. Besonders prägend sei für sie die Zeit bei den schwedischen Streitkräften gewesen: „In vieler Hinsicht waren sie die gendergerechteste Organisation, die ich je erlebt habe. Der Auftrag zählt – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.“ Gleichzeitig habe das Militär früh begonnen, Gleichstellung systematisch in seine Kernprozesse zu integrieren. „Das ist entscheidend – auch im Tech-Sektor oder in Unternehmen generell.“
„Gleichstellung darf kein Nebenprojekt sein“
Larsson plädiert dafür, Gleichstellung genauso selbstverständlich zu behandeln wie Informationssicherheit oder Qualitätsmanagement: „Gender Mainstreaming bedeutet, Gleichstellung nicht als Randthema zu führen, sondern in die alltäglichen Abläufe zu integrieren – in Unternehmen wie in staatlichen Strukturen.“ Nur so entstehe langfristige Wirkung.
Der digitale Raum als neue Frontlinie
Auf die Frage nach den dringendsten Herausforderungen nennt Larsson ohne Zögern den digitalen Raum. Die unregulierte Entwicklung sozialer Plattformen habe schwerwiegende Folgen:„Wir würden nicht akzeptieren, was online passiert, wenn es sich auf der Straße abspielen würde – sexuelle Ausbeutung, digitale Gewalt, misogyn geprägte Räume oder geschlechterbezogene Desinformation. Doch online tolerieren wir es zu lange.“ Besonders besorgniserregend sei, wie Algorithmen darauf ausgelegt seien, Nutzerinnen und Nutzer – insbesondere junge Mädchen und Jungen – in schädlichen Inhalten zu halten. Larsson fordert deshalb eine gemeinsame europäische und internationale Anstrengung, um große Tech-Unternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Gleichzeitig sieht sie, dass Unternehmen handeln können: „Roblox führt gerade ein Altersverifikationstool ein, das Erwachsene und Kinder voneinander trennt. Ein wichtiger Schritt – und ein Beweis dafür, dass Maßnahmen möglich sind, wenn der politische Druck da ist.“
Umgang mit dem Backlash gegen Diversität
International beobachten viele Unternehmen einen Rückzug von Diversity- und Inklusionsmaßnahmen, vor allem unter Einfluss der USA. Larsson sieht darin jedoch auch eine Chance: „Never waste a good crisis. Diese Gegenbewegungen zeigen uns, wie wichtig es ist, Gleichstellungsarbeit resilienter zu machen. Europäische Unternehmen sind oft werteorientiert – sie wissen, dass Gleichstellung auch wirtschaftlich sinnvoll ist.“ Europa brauche dabei gemeinsame Standards, sagt sie. Neben der Umsetzung der EU-Lohngleichstellungsrichtlinie könne sie sich etwa spezifische europäische Standards für Gender Mainstreaming vorstellen.
Schwedens Fortschritte – und ihre Grenzen
Auf die Frage, ob Schweden bestimmte Themen besonders „gut gelöst“ habe, bleibt Larsson vorsichtig. „Errungenschaften sind nie endgültig“, sagt sie. Gleichstellung verlaufe nicht linear. Dennoch nennt sie einige strukturelle Erfolge, auf denen Schweden seit Jahren aufbaut:
das Verbot, sexuelle Dienstleistungen zu kaufen
das gesicherte Recht auf Abtreibung
individuelle statt familienbasierte Besteuerung (z.B. das deutsche Ehegattensplitting), ein oft unterschätzter Hebel für wirtschaftliche Gleichstellung.
Während Schweden auf lang etablierte Gleichstellungsinstrumente zurückgreifen kann, steht Deutschland vielerorts noch am Beginn vergleichbarer struktureller Reformen. Die Diskussionen über digitale Gewalt, faire Löhne, reproduktive Rechte, die Regulierung großer Plattformen oder die Bedeutung geschlechtergerechter Arbeitsmarktpolitik zeigen jedoch, dass die Herausforderungen ähnlich sind – und zunehmend europäisch gedacht werden müssen. Larssons Perspektive macht deutlich, wie sehr Gleichstellung heute mit Fragen von Sicherheit, Digitalisierung, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und demokratischer Resilienz verwoben ist. Für Deutschland kann ihr Ansatz Inspiration sein: Gleichstellung nicht als Nebenprojekt, sondern als strategische Aufgabe zu begreifen – in Regierung, Wirtschaft und Gesellschaft.
Foto Credit: Kristian Pohl/Regeringskansliet





