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Wenn Frieden verhandelt wird und Frauen das Leben sichern

5. Februar 2026

Über vermeintliche Friedensallianzen und das Wort „Sicherheit“ wird dieser Tage wieder viel verhandelt. In Konferenzräumen wird es in Strategien, Szenarien und militärische Optionen übersetzt: notwendig, präzise formuliert, auf geopolitische Ebenen gehoben. Abstrakt. 


Frauen in Krisen- und Kriegsgebieten


Für die Frauen, über deren Leben in solchen Räumen mitverhandelt wird, und für die Frauen, denen ich in Krisen- und Kriegsgebieten begegnet bin, ist Sicherheit kein abstrakter Begriff. Sie ist konkret. Sie zeigt sich in der Frage, ob ein Tag ohne Gewalt vergeht. Ob es genug zu essen gibt. Ob Kinder weiterhin lernen können und ob der Unterricht trotz allem stattfindet. 


Ich denke an Nasima, eine sudanesische Krankenschwester in den Nuba-Bergen. Sie hätte gehen können. Möglichkeiten und Gründe gab es genug. Doch sie blieb, um Verwundete zu versorgen, deren Körper von Schrapnells* schwerst verletzt wurden, deren Überleben oft von improvisierter medizinischer Hilfe abhing. 


Ich denke an eine Mutter in Libyen, die ihren Sohn bei einem Anschlag verloren hatte. Ihre Hoffnung richtete sich nicht auf schnelle Antworten und Rache, sondern auf ein Ende des Tötens von „Brüdern“; darauf, dass dieser Bürgerkrieg, der so viel Leid auf allen Seiten gebracht hat, irgendwann wirklich endet. 


Ich denke an Masika in der Demokratischen Republik Kongo, die den Mord an ihrem Mann und extreme sexualisierte Gewalt überlebt hat und sich dennoch nicht brechen ließ. Stattdessen gründete sie ein Refugium für andere Betroffene. Ein Ort, an welchem Frauen die Kinder aus ihren Vergewaltigungen zur Welt bringen. Ein Ort, an dem man weiß, dass man nicht alleine ist, an dem Gemeinschaft geschaffen wird. Ein Raum der Heilung, in dem wieder Leben möglich wird, sogar neues. 


Frauen übernehmen Verantwortung und schützen Würde

In all diesen Kontexten, in allen Gebieten, in denen ich war, hat sich dasselbe Muster wiederholt. 


Erstens: Frauen organisieren Leben, während Strukturen zerfallen. Sie organisieren die Versorgung, sorgen für medizinische Hilfe, für Kontinuität, oft ohne institutionelle Absicherung, oft ohne Anerkennung. 


Zweitens: Frauen schützen nicht nur das physische Überleben, sondern auch Würde und sie tun dies selten nur im eigenen Interesse. Die Frauen, denen ich begegnet bin, kämpften nicht primär für ihre individuellen Rechte, sondern dachten gesamtgesellschaftlich. Ein Muster, das auch in Studien zu lokaler Konfliktprävention immer wieder beschrieben wird. 


Drittens: Frauen handeln, ohne auf Sichtbarkeit zu setzen. Sie erwarten keine Bewunderung, keine Erzählung über ihre Stärke. Sie wollen nicht idealisiert, aber ernst genommen werden. 


Nach all den Jahren meiner Arbeit überrascht mich die Kraft und der Mut von Frauen in Kriegsgebieten nicht mehr. Was mich weiterhin überrascht, ist etwas anderes: dass jene Verantwortung, die Frauen im Krieg und in Krisen selbstverständlich tragen, im Frieden oft neu verhandelt wird. 


Die Rolle von Frauen in Friedensprozessen mitdenken

Vielleicht liegt hier eine wichtige Erfahrung für Friedensprozesse. Denn Frieden stellt die Frage, welche Verantwortung fortgeführt wird und von wem. Der Übergang vom Krieg zum Frieden ist kein neutraler Moment, sondern ein Machtumbau, der in der Friedens- und Konfliktforschung häufig als kritische Übergangsphase beschrieben wird, denn in dieser entscheidet sich, wessen Verantwortung verfestigt wird und wessen nicht. Sicherheit aber entsteht dort, wo politische Vereinbarungen auf gelebte Erfahrung treffen: wo Alltag gesichert, Würde geschützt und Zukunft möglich gemacht wird. Je stärker diese Perspektive unser Verständnis von Frieden prägt, desto tragfähiger wird auch das, was unter Sicherheit verhandelt wird.


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* Ein Schrapnell, auch Granatkartätsche genannt, ist eine Artilleriegranate, die mit Metallkugeln gefüllt ist. Diese werden kurz vor dem Ziel durch eine Treibladung nach vorn ausgestoßen und dem Ziel entgegengeschleudert.


Gastbeitrag von Julia Leeb


Über die Autorin: 

Julia Leeb arbeitet seit vielen Jahren als Autorin, Fotografin und Filmemacherin in Krisen- und Kriegsgebieten wie Libyen, Syrien, Afghanistan und dem Sudan. Besonders ihr Buch über Nordkorea fand international große Beachtung. 


Seit über zehn Jahren steht in ihrer Arbeit die Perspektive von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten im Mittelpunkt. Ihre Recherchen und Reportagen – etwa über das Leben von Frauen unter der Herrschaft eines Warlords in der Demokratischen Republik Kongo – wurden ebenso viel beachtet wie ihre Beiträge zu internationalen Gemeinschaftsprojekten wie „Two Hundred Women Who Change the Way You See the World“ oder dem Podcast „Women in War“. 


In ihrem Buch „Menschlichkeit in Zeiten der Angst“ blickt sie auf zehn Jahre journalistischer Arbeit in Kriegsgebieten zurück. Das Buch wurde ein Bestseller. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit ist Julia international als Speakerin tätig und lehrt als Gastdozentin an Universitäten, unter anderem an der Northwestern University in Katar.



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