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Gleichberechtigung klingt anders

14. April 2026

Sprache ist der Treibstoff, der unsere Gedanken formt, unsere Wirklichkeit beschreibt und zeigt, wie wir einander sehen. Klingt sehr philosophisch? Absolut. Über Sprache zu sprechen – also darüber, wie wir sprechen – ist aber alles andere als abgehoben. Es ist essenziell, wenn es um Gleichberechtigung geht. Denn Worte sind nie neutral: Sie legen fest, wer sichtbar ist, wer mitgedacht wird und wer am Rand bleibt. 


Warum Worte niemals neutral sind

Sprache ist wie ein guter Spiegel: Sie zeigt wie wir sprechen und wie wir denken. Und manchmal zeigt sie Dinge, die wir lieber nicht sehen wollen: Rollenbilder, Machtverhältnisse, Erwartungen. Worte sind keine harmlosen Platzhalter – sie sind kleine Programme, die in unseren Köpfen laufen. Wer sie benutzt, formt Bilder. Und diese Bilder entscheiden darüber, wen wir ernst nehmen, wen wir bewundern und wen wir übersehen. Dass gendergerechte, bewusste Sprache tatsächlich etwas verändert, ist kein modernes Social-Media-Experiment. Es ist ein jahrzehntelanger gesellschaftlicher Prozess. Einer, der oft an scheinbar kleinen Wörtern hängt – und genau deshalb so wirkungsvoll ist.


Der lange Abschied vom „Fräulein“

Kaum ein Begriff zeigt das besser als das „Fräulein“. Was heute altmodisch und leicht belächelt klingt, war lange Zeit offizieller Bestandteil des Behörden-Deutsch. Die Bezeichnung sollte anzeigen, dass eine Frau nicht verheiratet war – und definierte sie damit ausschließlich in Bezug auf Männer. Männer hingegen blieben lebenslang „Herr“. Kein Beziehungsstatus, keine Zusatzinfo. Einfach Mensch.


Schon 1871 stellte die Autorin Franziska von Kapff-Essenther eine bis heute unbeantwortete Frage: Warum gibt es eigentlich kein „Herrlein“? Die frühe Frauenbewegung kämpfte dafür, dass Frauen unabhängig von einer Ehe „Frau“ heißen durften. 1919 war es so weit – zumindest kurz, denn 1937 machten mehrere Erlasse der Nationalsozialisten diese Errungenschaft erneut rückgängig. Sprache wurde genutzt, um Frauen einzuordnen und zu kontrollieren. Auch in der Bundesrepublik hielt sich das „Fräulein“ hartnäckig. Frauenverbände kritisierten den Begriff, Abgeordnete forderten bereits 1954, die NS-Erlasse endlich zu streichen. Die Politikerin und Frauenrechtlerin Marie Elisabeth Lüders brachte es damals treffend auf den Punkt: „Die Angelegenheit steht seit etwa hundert Jahren in der Öffentlichkeit auf der Tagesordnung.“ 


Trotzdem dauerte es fast zwanzig weitere Jahre, bis etwas passierte. Erst 1972 strich Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) das „Fräulein“ offiziell aus dem Behörden-Deutsch. Ein Wort weniger – und plötzlich ein anderes Denken. Frauen existierten sprachlich nicht mehr im Wartesaal zwischen Mädchen und Ehefrau, sondern als eigenständige Personen. Sprache hatte Realität verschoben.


Wenn Männer reifen und Frauen verschwinden sollen

Ein anderes sprachliches Relikt hält sich leider bis heute: „Männer reifen wie guter Wein. Frauen altern wie Milch.“ Ein Satz, der mehr über gesellschaftliche Erwartungen verrät als über Biologie. Während Männer mit grauen Haaren als interessant, souverän und erfahren gelten, sollen Frauen möglichst jung, faltenfrei und bitte nicht zu sichtbar altern.

Dieses Ungleichgewicht ist historisch tief verankert. Besonders deutlich wird es in der Kunstgeschichte


Mit der Entwicklung der Porträtmalerei im 15. Jahrhundert wurden Darstellungen immer individueller und realistischer – allerdings vor allem bei Männern. Bartstoppeln, Falten, Doppelkinn: Zeichen von Charakter. Bei Frauen hingegen setzte sich eine zunehmende Idealisierung durch. Ihre Gesichter wurden geglättet, normiert, zeitlos gemacht. Individualität galt als Stärke bei Männern, als Makel bei Frauen. Diese Bilder wirken bis heute nach. In Filmen, Werbung, Popkultur und auf dem Arbeitsmarkt. 


„Powerfrau“, „Girlboss“ – Empowerment oder Etikettenstress?

Dann gibt es noch Wörter wie Powerfrau oder Girlboss. Sie sollen stark machen, uns feiern, uns markieren: „Ich bin wichtig, ich bin stark!“ Aber Vorsicht: Solche Bezeichnungen können auch in die Falle der Vermarktung tappen. Sie verwandeln Empowerment in ein Lifestyle-Label, als wäre Stärke etwas, das man einfach anzieht. Manche meinen, das nehme dem eigentlichen Ziel – Gleichberechtigung – die Schärfe, weil es auf coole Begriffe reduziert wird statt auf echte strukturelle Veränderung. Trotzdem zeigen solche Begriffe eines klar: Wir suchen neue Worte, weil wir neue Rollen leben wollen. Wir wollen keine stillen Statistinnen sein, wir wollen sichtbar sein. Und das beginnt im Kopf!


Worte bauen Wirklichkeit

Sprache entscheidet, wer in unseren Köpfen auftaucht, wenn wir an Macht, Kompetenz oder Erfahrung denken. Sie beeinflusst, welche Rollen wir uns zutrauen – und welchen anderen wir sie zutrauen. Wer Begriffe hinterfragt, verändert Denkrahmen. Und wer Denkrahmen verändert, verändert langfristig Gesellschaft.


Gendergerechte Sprache ist kein Selbstzweck und kein modischer Trend. Sie ist ein Werkzeug. Eines, das hilft, alte Bilder zu verschieben und neue möglich zu machen. Manchmal beginnt Fortschritt mit einem gestrichenen Wort und dem Mut, anders zu sprechen.


Text von Rebecca Stringa

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