„Natuerlich schoen“ – oder nur perfekt kontrolliert?
24. März 2026

„Ich mag Frauen, die natürlich sind.“ Ein Satz, der freundlich klingt, fast progressiv. Und doch ist er einer der strengsten, die Frauen heute hören können. Denn „natürlich“ meint selten das, was es vorgibt zu sein. Es meint nicht Haut, die lebt. Nicht Müdigkeit, nicht Chaos, nicht Realität. Es meint eine ganz bestimmte Ästhetik: schlank, glatte Haut, volle Lippen, symmetrisch, jung – aber bitte ohne sichtbare Anstrengung. Schönheit ja. Arbeit nein.
Und genau hier beginnt das Problem. Denn Natürlichkeit ist längst kein Zustand mehr, sondern eine Anforderung. Kein Loslassen, sondern eine neue Form von Disziplin. Eine, die besonders perfide ist, weil sie sich als Freiheit tarnt. Wer zu viel macht, ist „fake“. Wer zu wenig macht, „lässt sich gehen“. Richtig ist nur das Dazwischen – und das bitte unsichtbar. Mühelos schön ist das neue brav. Was dabei gern übersehen wird: Das Ideal der natürlichen Schönheit ist meist harte Arbeit. Subtile Beauty-Eingriffe, Baby-Botox, minimal dosierte Filler, Skin Booster, Lash Lifts, perfekte Hautpflege-Routinen. Alles fein. Alles dezent. Alles so, dass man es nicht sieht – aber sofort merkt, wenn es fehlt.
Das neue Patriarchat – „mühelos schön“ ist das neue „brav“
Naomi Wolf hat diese Logik schon 1991 in „The Beauty Myth“ auf den Punkt gebracht – und man könnte den Text heute eins zu eins als Kommentarspalte unter ein „clean girl“-Video setzen: „Mach zu viel – du bist ‚fake‘. Mach zu wenig – du ‚lässt dich gehen‘. Mach’ es richtig – aber so, dass man’s nicht sieht. Willkommen im neuen Patriarchat: ‚Mühelos schön‘ ist das neue ‚brav‘.“ Genau das ist die Falle: Natürlichkeit wird nicht als Option gehandelt, sondern als Pflicht. Sie ist keine Befreiung, sondern eine elegantere Disziplin. Und weil sie „mühelos“ wirken muss, wird sie besonders gnadenlos. Denn Mühe ist das, was Frauen nicht zeigen sollen. Mühe ist unsexy. Mühe ist peinlich. Mühe ist… weiblich.
„Natürlich“ als ästhetischer Code
„Natürlich“ klingt wie Wahrheit. Wie Authentizität. Wie: ich bin halt so. Und genau deshalb funktioniert das Wort so gut – es verkauft eine Optik als Charaktereigenschaft. John Berger hat in „Ways of Seeing“ (1972) beschrieben, wie sehr weibliches Erscheinungsbild an Blicken, Bewertung und Inszenierung hängt. Und ein Zitat trifft besonders den Kern dieser Kritik: „‚Natürlich‘ klingt ehrlich, pur, authentisch – aber in Wahrheit ist es ein ästhetischer Code, erfunden in männlichen Fantasien. Ein Stil, der Frauen daran misst, wie perfekt sie ‚unperfekt‘ sind.“ Mit anderen Worten: „natürlich“ ist nicht neutral. Genau das macht es so mächtig. Denn wenn ein Look als „Natur“ verkauft wird, wirkt jede Abweichung wie ein Fehler.
Unsichtbare Arbeit – so viel tun, dass es nach „nichts“ aussieht
Und jetzt kommt der Teil, den alle kennen, aber den niemand so nennen will: Der „No-Make-up“-Look ist selten „no“. Er sieht nur so aus. Er besteht aus Produkten, Techniken, Terminen, Routinen, Geld und Nerven. Inzwischen nehmen Frauen diesen Mythos genüsslich auseinander. Auf Instagram und TikTok gibt es unzählige Clips, in denen sie den Begriff „natürliche Schönheit“ hops nehmen und zeigen, was dahintersteckt: Baby-Botox, minimaler Filler, Skin Booster, Lash Lift, Brow Lamination, Skin Treatments, akribische Skincare, perfekt gesetzter Concealer, Lippenstift „für die eigene Pigmentierung“. Alles ganz subtil, ganz unauffällig. Susan Bordo beschreibt genau dieses Prinzip schon 1993 in „Unbearable Weight“– den Wunsch nach dem Ergebnis ohne Anerkennung des Weges: „Wenn Männer sagen, sie mögen ‚natürliche Frauen‘, meinen sie oft: schlank, glatte Haut, volle Lippen – aber bitte ohne sichtbare Anstrengung. Sie wollen das Ergebnis der Arbeit, nicht den Weg dahin.“ Das ist nicht nur unfair, das ist strukturell: Frauen sollen leisten, aber ihre Leistung verschwindet im Endprodukt. Wie so oft.
Wenn „natürlich aufwachen“ eine Abendroutine mit 12 Schritten ist
Und dann kam dieses herrliche Internet-Phänomen, das eigentlich Satire sein müsste, aber leider Realität ist: die „Morning Sheds“. Abends wird alles aufgetragen, geklebt, getaped, maskiert, geföhnt, gefaltet. Lip Stains, Kollagenmasken, Tape im Gesicht, Socken oder Lockenrollen in den Haaren, manchmal sogar Permanent-Eyeliner – damit man am nächsten Morgen „einfach so“ frisch aussieht. „Ich wache halt so auf.“ Klar. Und ich zahle meine Miete mit Manifestation. Das Geniale (und Traurige) daran: Es erfüllt das Ideal perfekt. Niemand sieht die Mühe, aber alle sehen das Resultat. Und genau so soll es sein.
Plot Twist: 2016 ist zurück – und das ist vielleicht die beste Nachricht
Die Gegenbewegung? Sie riecht nach Glitzer. 2016 ist laut Social Media wieder da: mehr Ausdruck, mehr Make-up, mehr Spaß. Auffällige Brauen, sichtbarer Lidschatten, Lipliner, Drama, bisschen „extra“. Tschüss Clean Girl, hallo Diva. Endlich wieder ein Look, der nicht so tut, als wäre er keiner. Aber: Auch das darf nicht zur nächsten Pflicht werden. Denn wenn wir aus „du musst natürlich sein“ ein „du musst jeden Morgen ein Full-Face-Make-up“ machen, haben wir nur die Uniform gewechselt.
Do you – und zwar wirklich
Die eigentliche Befreiung liegt nicht in „natürlich“ oder „unnatürlich“. Sie liegt in der Erlaubnis. Du willst ungeschminkt sein? Perfekt. Du willst Baby-Botox, das niemand sieht? Auch okay. Du willst Filler, der offensichtlich ist? Dein Gesicht, deine Regeln. Der Punkt ist nicht, ob es dem Trend entspricht, sondern ob es dir entspricht. Natürlichkeit ist kein Look. Sie ist die Abwesenheit von Urteil. Und ohne Urteil, wäre die Welt einer Frau deutlich schöner – oder um es ganz spitz zu formulieren, endlich gleichberechtigt.
Text von Rebecca Stringa




