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Sicherheit ohne Frauen? Frieden muss paritaetisch gedacht werden

3. Februar 2026

„Treffen im Kanzleramt: Merz lädt zu Gesprächen über außenpolitische Lage. Am Donnerstag sollen Vizekanzler Lars Klingbeil, Außenminister Johann Wadephul, Verteidigungsminister Boris Pistorius, Innenminister Alexander Dobrindt und Kanzleramtschef Thorsten Frei gemeinsam mit Friedrich Merz zusammenkommen, um über die außenpolitische Lage zu beraten.“ Berlin, 13. Januar 2026 ¹ 


Sechs Männer sprechen in Deutschland über Krieg, Frieden und Sicherheit. Keine Frau sitzt mit am Tisch. Der Termin im Kanzleramt steht für politische Dringlichkeit – und zugleich für ein strukturelles Defizit, das die Außen- und Sicherheitspolitik seit Jahrzehnten prägt. Denn obwohl Konflikte, Krisen und ihre Folgen Frauen und Männer gleichermaßen – oft Frauen in besonderem Maße – betreffen, bleiben weibliche Perspektiven in zentralen sicherheitspolitischen Entscheidungsrunden unterrepräsentiert.


Warum Sicherheit ohne Frauen unvollständig bleibt

Dabei ist die Faktenlage eindeutig. Studien des Europäischen Parlaments zeigen, dass Friedensprozesse, an denen Frauen aktiv beteiligt sind, langfristig stabiler und wirksamer verlaufen. Gesellschaften mit höherer Geschlechtergleichstellung profitieren demnach nicht nur von besserer Gesundheit und stärkerem wirtschaftlichem Wachstum, sondern auch von größerer Sicherheit. Dennoch schreitet die Einbindung von Frauen in Friedensverhandlungen, Missionen und Vermittlungsprozesse nur langsam voran ². Besonders deutlich wird der Zusammenhang beim Blick auf konkrete Verhandlungsergebnisse: Laut der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit sind Friedensvereinbarungen um mehr als 60 Prozent erfolgreicher, wenn Frauenorganisationen und andere Vertreterinnen der Zivilgesellschaft aktiv und effektiv eingebunden werden ³. Und doch sitzen in formellen Verhandlungen häufig ausschließlich die kriegführenden Parteien am Tisch – meist Männer.


Nachhaltiger Frieden braucht mehr als Waffenstillstände

Für nachhaltigen Frieden reicht das nicht aus. Neben Waffenstillständen braucht es sichere gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Perspektiven und soziale Versöhnung. Frauen spielen hierbei eine Schlüsselrolle, etwa beim Wiederaufbau lokaler Strukturen oder der Förderung langfristiger Stabilität. Gleichzeitig verhindern wirtschaftliche und rechtliche Ungleichheiten in vielen Ländern, dass sie diese Rolle auch in offiziellen Verhandlungsprozessen einnehmen können. 


Hinzu kommen neue globale Herausforderungen: Klimawandel und extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Dürren oder Wasserknappheit erhöhen den Druck auf Gesellschaften und Ressourcen. Langanhaltende Dürreperioden, wie sie etwa am Horn von Afrika, im Mittelmeerraum oder in Teilen Asiens bereits beobachtet werden, können laut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik Ernteausfälle, Hungerkrisen und Migrationsbewegungen auslösen – und so bestehende soziale Spannungen verstärken ⁴. Besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen sind häufig die ersten Opfer solcher Krisen, was bestehende Ungleichheiten noch verschärft und Konfliktpotenziale erhöht.


Die Vernachlässigung von Geschlechtergerechtigkeit in der Friedens- und Sicherheitspolitik ist also nicht nur ineffektiv, sondern verschärft Risiken. Wie das Sustainable Development Solutions Network hervorhebt, schließt sie die Hälfte der Weltbevölkerung aus und untergräbt Gerechtigkeit, Demokratie und Sicherheit ⁵. Besonders gravierend ist dies vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Gewalt, welche in Krisen- und Konfliktsituationen verstärkt auftritt: Laut WHO waren weltweit rund 30 Prozent aller Frauen ab 15 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen ⁴. In Kombination mit klimabedingten Krisen zeigt sich: Friedens- und Sicherheitsstrategien, die Frauen nicht aktiv einbeziehen, übersehen systematisch zentrale Faktoren gesellschaftlicher Resilienz.


Münchner Sicherheitskonferenz – Raum für Diskurs

Vor diesem Hintergrund findet die Münchner Sicherheitskonferenz in diesem Jahr an einem geopolitischen Wendepunkt statt. Langjährige Allianzen geraten unter Druck, die regelbasierte internationale Ordnung erodiert, regionale Konflikte eskalieren, autoritäre Kräfte gewinnen an Einfluss. Das offizielle Programm der Konferenz greift diese Entwicklungen auf – mit Schwerpunkten auf europäischer Sicherheits- und Verteidigungspolitik, der Zukunft der transatlantischen Beziehungen, Multilateralismus, konkurrierenden Vorstellungen globaler Ordnung sowie den sicherheitspolitischen Auswirkungen technologischer Innovationen ⁶.


Doch so zentral diese Themen sind, so entscheidend ist auch die Frage, wer sie verhandelt. Sicherheitspolitik, die Antworten auf die Krisen unserer Zeit finden will, kann es sich nicht leisten, weibliche Führung, Erfahrung und Expertise auszublenden. Genau hier setzt das FRAUEN100 women-only Dinner als offizielles Side Event der Münchner Sicherheitskonferenz an. Es knüpft bewusst an die großen sicherheitspolitischen Debatten der Konferenz an – und rückt zugleich die weibliche Perspektive in den Mittelpunkt. In diesem Jahr liegt der Fokus auf der Rolle weiblicher Führungskräfte bei der Verteidigung demokratischer Werte in einer Zeit, in der ihre Präsenz auf der internationalen politischen Bühne zunehmend infrage gestellt wird.


Frauen, die sich politisch engagieren, stehen weltweit autoritären Kräften gegenüber, die Konflikt über Diplomatie stellen. In den vergangenen Jahren hat FRAUEN100 im Rahmen des Dinners immer wieder die Idee feministischer Außenpolitik diskutiert – ein Konzept, das angesichts globaler Krisen aktueller denn je ist. 2026 soll darüber hinaus sichtbar werden, wie demokratische Frauen sich gegenseitig stärken, vernetzen und gemeinsam als Bollwerk für Demokratie, Dialog und Multilateralismus wirken können.


Denn nachhaltige Sicherheit entsteht nicht in geschlossenen Zirkeln. Sie braucht Vielfalt, Repräsentation und den Mut, gewohnte Machtstrukturen zu hinterfragen. 


Quellen:

¹ Berlin.Table, 13.01.2026

² European Parliament, Frauen in der Friedenskonsolidierung: Warum ihre Rolle gestärkt werden muss – und wie

³ GIZ, Starke Frauen für langanhaltenden Frieden

⁴ DGAP, Vinke, Kira: Hitze, Dürre, Krieg – Klimawandel als Sicherheitsrisiko

⁵ SNDS, Geschlechtergerechtigkeit und Frieden als Bedingung für Nachhaltigkeit

securityconference.org




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