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Die stille Abwertung weiblicher Arbeit

29. Januar 2026

Eine Nanny verdient weniger als ein Hausmeister. Eine Erzieherin weniger als ein technischer Mitarbeiter mit deutlich kürzerer Ausbildung. Diese Unterschiede sind kein Zufall und auch keine individuellen Verhandlungsergebnisse. Sie folgen einem klaren Muster – und dieses hat einen Namen: „Devaluation of Work“. Gemeint ist damit die systematische Abwertung von Arbeit, sobald sie überwiegend von Frauen ausgeübt wird. Deutschland bildet hier keine Ausnahme. Trotz Gleichstellungsrhetorik und Sozialstaatsversprechen ist die Abwertung weiblich dominierter Berufe tief in Tarifstrukturen, öffentlichen Haushalten und gesellschaftlichen Leitbildern verankert. Diese Ungleichheit ist leider ein bis heute wirksames Ordnungsprinzip unseres Arbeitsmarktes.


Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten – Pflege, Erziehung, soziale Arbeit, Betreuung, Reinigung, Assistenz – werden deutlich schlechter bezahlt als Berufe mit vergleichbaren Anforderungen, Verantwortung und Belastung, die mehrheitlich von Männern ausgeübt werden. Dabei verlangen viele dieser Tätigkeiten nicht nur formale Qualifikationen, sondern auch körperliche Belastbarkeit, emotionale Kompetenz und permanente Verantwortung für andere Menschen. Pflegekräfte arbeiten mit Menschenleben. Erzieherinnen prägen die soziale und kognitive Entwicklung der nächsten Generation. Betreuung und Fürsorge sind die Voraussetzung dafür, dass andere überhaupt erwerbstätig sein können. Und dennoch gelten diese Tätigkeiten ökonomisch als nachrangig. Nicht, weil sie weniger leisten – sondern weil sie historisch als weiblich markiert sind.


Gefährlicher Mythos der weiblichen Fürsorge

Denn die hartnäckige Vorstellung, Frauen seien von Natur aus fürsorglich, geduldig und empathisch, wirkt bis heute als ökonomische Abwertungslogik. Was als Charaktereigenschaft gilt, wird nicht als Qualifikation anerkannt. Was als „natürlich“ erscheint, muss offenbar nicht bezahlt werden. Emotionale Arbeit wird romantisiert, nicht vergütet. Diese Erzählung ist kein kulturelles Missverständnis, sondern ein machtvolles Instrument. Sie rechtfertigt niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnde Aufstiegsperspektiven – und verschleiert, dass es sich bei Care-Arbeit um erlernte, anspruchsvolle und gesellschaftlich unverzichtbare Tätigkeiten handelt.


Harte Fakten und Zahlen

Wer jetzt sagt: Ach, das ist in Deutschland bestimmt im Jahr 2026 gar nicht so schlimm, irrt gewaltig! Die Ungleichbehandlung von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist nicht nur ein Gefühl, sie lässt sich in harten Zahlen messen. Fangen wir mit der Gender Pay Gap an. Laut „Statistisches Bundesamt“ verdienen Frauen in Deutschland im Jahr 2025 im Durchschnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer – das sind rund 4,24 Euro weniger brutto pro Stunde. Diese Lohnlücke ist kein kleines Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein andauerndes strukturelles Phänomen: Selbst wenn man Unterschiede in Arbeitszeit, Qualifikation oder Tätigkeit berücksichtigt, bleibt bei vergleichbarer Arbeit oft immer noch eine Lücke von rund sechs Prozent. Ein Hinweis darauf, dass unsichtbare Benachteiligungen und diskriminierende Strukturen existieren.


Warum ist das so? Ein Grund liegt in der geschlechtlichen Unterteilung des Arbeitsmarktes: Frauen sind überproportional in Berufen tätig, die allgemein schlechter bezahlt werden. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass Beschäftigte im sozialen Sektor – also in Berufen wie Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege oder Sozialarbeit, in denen Frauen dominieren – im Durchschnitt etwa 17 % weniger verdienen als Menschen in anderen Branchen. 


Doch der Effekt geht über klassische Care-Berufe hinaus: Auch in anderen Frauen-dominierten Tätigkeiten wie Reinigung oder als Haushaltshilfe sind die Löhne niedrig, obwohl die Anforderungen an körperliche Belastbarkeit und oft auch Präzision und Zuverlässigkeit hoch sind. Branchen- und berufsspezifische Daten zeigen, dass in zahlreichen Bereichen mit hohem Frauenanteil die Löhne deutlich unter dem Durchschnitt liegen – ein Muster, das Ökonom*innen als einen zentralen Treiber des Gender Pay Gaps identifizieren. Fazit: Wenn Frauenjobs überwiegend gering bezahlt werden, zieht das den gesamten Durchschnitt nach unten.


Parallel dazu leisten Frauen in Deutschland deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer – sie investieren pro Woche durchschnittlich etwa neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit in Haushalt, Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Das wirkt sich langfristig auf Karrierewege, Verdienstpotenziale und Rentenansprüche aus. Kurz: Frauen dominieren Berufe, die strukturell niedriger bezahlt werden, und tragen zusätzlich einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, die im Wirtschaftssystem nicht als Leistung zählt. Beides zusammen schafft ein System, das den Wert weiblicher Arbeit systematisch herabsetzt – ein Kernaspekt dessen, was wir als Devaluation of Work bezeichnen können.


Deutschland zahlt schlecht – und wundert sich über Fachkräftemangel

Pflegenotstand, Personalmangel in Kitas, Überlastung im sozialen Bereich – die Symptome sind bekannt. Die Ursachen werden dennoch regelmäßig externalisiert: zu wenige Bewerber*innen, demografischer Wandel, fehlende Motivation. Was dabei selten ausgesprochen wird, ist offensichtlich: Wer dauerhaft schlecht zahlt, bekommt irgendwann niemanden mehr.

Das ist kein Fachkräftemangel, sondern eine direkte Folge politischer Prioritätensetzung. Jahrzehntelang wurde Care-Arbeit als Kostenfaktor behandelt, nicht als Investition. Die Rechnung zahlen heute diejenigen, die diese Arbeit leisten – und eine Gesellschaft, die auf ihre eigene Fürsorge-Infrastruktur nicht vorbereitet ist.


Was sich ändern muss, wenn sich wirklich etwas ändern soll

Gleichwertige Arbeit muss gleichwertig bezahlt werden und nach klaren Kriterien: Verantwortung, Qualifikation, körperliche und psychische Belastung. Dass Pflegekräfte, Reinigungskräfte oder Erzieherinnen schlechter verdienen als technische oder handwerkliche Berufe mit ähnlichen Anforderungen, ist kein Marktversagen – es ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen. Wer Care-, Service- und Reinigungsarbeit niedrig einstuft, tut das nicht, weil sie wenig leistet, sondern weil sie wenig Prestige hat. Putzkräfte werden schlecht bezahlt, weil Sauberkeit als selbstverständlich gilt. Assistenz wird entwertet, weil Organisation im Hintergrund passiert. Verkauf und Service gelten als austauschbar, weil sie überwiegend von Frauen erledigt werden. 


Wenn sich daran etwas ändern soll, braucht es verbindliche Neubewertungen in Tarifverträgen, vor allem im öffentlichen Dienst und in öffentlich finanzierten Bereichen. Es braucht Mindestlöhne, die nicht nur Existenz sichern, sondern Qualifikation und Belastung abbilden. Und es braucht Lohntransparenz – nicht freiwillig, sondern verpflichtend. Solange niemand offenlegen muss, was bezahlt wird, kann Ungleichheit weiter als „Marktlogik“ verkauft werden. Wertschätzung zahlt keine Miete. Und Sinnstiftung ist kein Ersatz für soziale Absicherung. Frauen arbeiten nicht aus Liebe, nicht aus Berufung und nicht, um Dankbarkeit zu ernten. Sie arbeiten, weil ihre Arbeit gebraucht wird. Und was gebraucht wird, muss bezahlt werden. Alles andere ist kein Zufall. Es ist ein System.


Text von Rebecca Stringa

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