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„Warum duerfen wir ueber die Pille danach nicht reden?“ – FRAUEN100 x HEALTH Dinner in Berlin

10. September 2025

Rund 75 geladene Gäste aus Politik, Gesellschaft und Medien folgten am 10. September unserer Einladung zum FRAUEN100 x HEALTH Dinner auf die Terrasse des Papillon Berlin. Was zunächst nach einem perfekten Spätsommerabend aussah, wurde durch einen plötzlichen Regenschauer unterbrochen. Doch anstatt die Stimmung zu trüben, machte der spontane Umzug ins angrenzende Restaurant den Abend nur noch lebendiger. Moderiert von Elena Carrière und musikalisch begleitet von Sandra Hesch zeigte der Abend, wie groß der Bedarf an offener Diskussion ist – und wie empowernd es sein kann, gemeinsam über Themen zu sprechen, die sonst verschwiegen oder stigmatisiert werden.


Im Zentrum stand ein Thema, das noch immer viel zu oft im Verborgenen bleibt: die Pille danach und das fehlende Wissen über Notfallverhütung. Den Auftakt des Abends gestaltete Singer-Songwriterin Sandra Hesch mit ihrem Song „Hey Hübscher“, der Frauen in männlich dominierten Bereichen thematisiert. Sie eröffnete den Abend musikalisch und betonte, wie sehr sie es ehrt, Teil eines Abends zu sein, der Frauen und Raum für offene Gespräche über reproduktive Selbstbestimmung schafft. Anschließend präsentierte sie weitere Hits ihres musikalischen Repertoires.


Rund um die Pille danach gibt es viele Mythen – unnötigerweise


Chefärztin der Gynäkologie Dr. Mandy Mangler schloss mit einem Impuls an, in dem sie eindrücklich erklärte, wie die Pille danach wirkt, wo man sie bekommt und warum sie in Deutschland nach wie vor von Mythen, Vorurteilen und Scham umgeben ist. „Rund um die Pille danach gibt es viele Mythen – zum Beispiel, dass sie eine Hormonbombe sei. Das stimmt nicht. Sie ist sehr gut verträglich und hat, wenn überhaupt, nur milde Nebenwirkungen. Außerdem ist die Pille danach keine Abtreibungspille. Sie verschiebt den Eisprung und verhindert so eine Schwangerschaft. Eine bereits bestehende Schwangerschaft kann sie nicht beenden”, so die Gynäkologin.


Dass diese Mythen politisch produziert und verstärkt werden, machte auch Bundestagsvizepräsidentin Josephine Ortleb deutlich: „Warum gibt es im Jahr 2025 immer noch ein Werbeverbot für die Pille danach, obwohl sie seit zehn Jahren rezeptfrei ist? Das liegt an einem absurden Frauenbild.“ Als die EU die Rezeptfreiheit einführte, habe man in Deutschland befürchtet, Frauen könnten die Pille „wie Smarties“ nehmen. „Also hat man ein Werbeverbot eingeführt – Frauen wurde bewusst Information vorenthalten“, so Ortleb. Für sie ist klar: Aufklärung muss früh und flächendeckend ansetzen, in Schulen ebenso wie in der öffentlichen Debatte. Wie groß die Lücken im Alltag tatsächlich sind, schilderte Autorin und Pädagogin Gianna Bacio: „Die Angst vor der Pille danach zeigt, wie sehr Sexualität, Schwangerschaft und Verhütung immer noch mit Schuld belegt sind. Scham ist nicht angeboren, sie ist erlernt – und man kann sie auch wieder verlernen, indem man spricht.“ Genau das fehle bisher in vielen Schulen, wo zwar Fakten vermittelt werden, aber kaum Raum für Gespräche über Gefühle, Bedürfnisse und Erfahrungen ist.


Besonders eindringlich sprach Chiara Dülberg über ihren persönlichen Schwangerschaftsabbruch: „Für mich war das kein großer Eingriff, sondern etwas, das mir alle Chancen eröffnet hat, die ich heute lebe. Und etwas so Positives dann totzuschweigen – das hat mich immer beschäftigt.“ Ihr Schritt, offen über das Thema zu sprechen, sei auch eine bewusste Entscheidung für Sichtbarkeit gewesen: „Ich dachte mir: Ich kann nicht von anderen erwarten, dass sie es aussprechen, wenn ich es selbst nicht tue.“ Auch Josephine Blint von F/A/Q Health machte klar, dass Aufklärung nicht mit Belehrung verwechselt werden darf: „Das Problem ist nicht der Mangel an Informationen, sondern der Zugang, das Vertrauen und die Ermutigung, Entscheidungen zu treffen.“ Deshalb setze ihr Team auf Kommunikation auf Augenhöhe, auch im Umgang mit Desinformation in den sozialen Medien.


Nur 29 Prozent kennen die Pille danach


Das Dinner markierte zugleich den offiziellen Auftakt der Aufklärungskampagne „Danach ist Davor“, die von der Initiative #nurwennichesweiss in Kooperation mit Perrigo Deutschland gestartet wurde. Die Kampagne nimmt ein drängendes Problem in den Blick: Laut der aktuellen ELSA-Studie ist in Deutschland jede vierte Schwangerschaft ungeplant, etwa die Hälfte davon endet in einem Abbruch. Gleichzeitig kennen nur 29 Prozent der Befragten die Pille danach überhaupt – und fast die Hälfte glaubt fälschlicherweise, es handele sich um eine Abtreibungspille.

Dass in Deutschland seit 2015 ein striktes Werbeverbot für die Pille danach gilt, verschärft diese Unwissenheit zusätzlich. 


Darum muss sich dringend etwas an dem Werbeverbot ändern


Notfallkontrazeptiva sind damit die einzigen rezeptfreien Medikamente, die nicht beworben werden dürfen. Ein Sonderweg, den ansonsten nur noch Polen und Ungarn gehen. Während Länder wie Frankreich die kostenlose Abgabe ermöglichen und in Schweden und den Niederlanden die Pille danach sogar in Supermärkten erhältlich ist, müssen Frauen hierzulande Barrieren überwinden – und erleben häufig Scham und Stigmatisierung beim Gang in die Apotheke. Genau hier setzt „Danach ist Davor“ an: Mit einer digitalen Kampagne, flankiert von politischen Aktionen, will #nurwennichesweiss Mythen entkräften, sachliche Informationen bereitstellen und politische Aufmerksamkeit auf das Werbeverbot lenken. Dass dies dringend notwendig ist, zeigte sich zuletzt an der kurzfristigen Absage der geplanten Plakatkampagne im Berliner Regierungsviertel: Der Anbieter hatte die gebuchten Flächen storniert – mit der Begründung, es handle sich um „Werbung“. Stattdessen wird nun ein LED-Truck mit den Motiven eine Woche lang vor Bundestag und Ministerien unterwegs sein.


Der gestrige Abend hat eindrucksvoll gezeigt, dass Aufklärung mehr ist als reine Wissensvermittlung: Sie bedeutet Selbstbestimmung, Schutz vor ungeplanten Schwangerschaften und das Ende eines Tabus. Oder, wie es Josephine Ortleb resümierte: „Unsere Gesellschaft ist weiter als die Politik. Viele wären längst dafür, das Werbeverbot abzuschaffen – sie müssen nur davon erfahren.“


 „Danach ist Davor“ – die Kampagne auf einen Blick


  • Initiative: #nurwennichesweiss in Kooperation mit Perrigo Deutschland

  • Ziel: Aufklärung über Notfallverhütung, Entkräften von Mythen, Förderung politischer Aufmerksamkeit auf das Werbeverbot

  • Hintergrund: Jede vierte Schwangerschaft in Deutschland ist ungeplant. Nur 29 % der Befragten kennen die Pille danach und fast die Hälfte glaubt fälschlicherweise, es handele sich um eine Abtreibungspille.

  • Maßnahmen: Digitale Kampagne, politische Aktionen, LED-Truck-Aktion vor Bundestag und Ministerien

  • Besonderheit: Notfallkontrazeptiva sind die einzigen rezeptfreien Medikamente, die in Deutschland nicht beworben werden dürfen


Text von Rebecca Stringa.

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