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Der KI-Boyfriend, den keine von uns braucht

29. Januar 2026

„The bar is low.“ Ein Satz, der im Freundinnenkreis ungefähr so häufig fällt wie „Ich bleib jetzt einfach allein“ oder „Früher war auch nicht alles besser, aber die Männer schon irgendwie“. Gemeint ist damit dieses kollektive Seufzen über Dating im Jahr 2026: Erwartungen? Gesenkt. Hoffnungen? Gedimmt. Geduld? Aufgebraucht. Manche Frauen planen ihr Leben inzwischen sehr bewusst als singuläre Hauptfigur – ohne Mann, aber mit innerer Ruhe, gutem Gehalt und Freiheit.  


Und dann kam er: der neue Instagram-Trend. Nicht TikTok, wirklich Instagram. Vielleicht, weil wir Ü35-Menschen dort noch das Gefühl haben, alles halbwegs zu verstehen. Die große Frage: Wie sähe eigentlich der perfekte Partner aus, wenn man das Ganze einfach an eine KI auslagert? Einmal Prompt rein, einmal Zukunftsvision raus. 


Wenn der Algorithmus dein Herz kennt (oder so tut)

Es war erstaunlich süß. Bei manchen Paaren spuckte die KI tatsächlich eine Version des aktuellen Partners aus – nur mit fragwürdig perfektem Licht. Andere machten es lustig und trennten sich spaßeshalber von ihrem Freund, weil ChatGPT jemand völlig anderes „vorgesehen“ hatte. Humor ist schließlich auch eine Love Language. Also machten wir alle mit. Ich. Meine Freundinnen. Das gesamte Internet. Und ja: Auf den ersten Blick war es niedlich. Aber auf den zweiten… hmm.


Warum sehen eigentlich alle gleich aus?

Denn irgendwann fiel es auf. Weiße Frauen bekamen weiße Männer. Latinas laut Instagram auch. Also eigentlich bekam man immer einen weißen Mann. Alle waren normschön, geschniegelt, sportlich. Gleicher Kleidungsstil, gleicher Vibe, gleiche ästhetische Mittelmäßigkeit. Niemand hatte ein kleines Bäuchlein – obwohl Umfragen seit Jahren zeigen, dass genau das viele Frauen ziemlich gut finden. Ein bisschen wie ein sehr netter Möbelkatalog. Und dann die eigentliche Frage: Wenn mir jetzt dieser dunkelblonde, perfekt proportionierte KI-Boy als „ideal“ präsentiert wird – programmiert sich dann heimlich eine Blockade in mein Hirn? Suche ich ab jetzt unbewusst nur noch nach dieser Version? Oder schlimmer: nach niemandem mehr, weil kein Mensch gegen ein synthetisches Ideal ankommt?


Warum die KI fast immer weiß liebt

Spätestens beim dritten KI-generierten „Perfect Match“ wird es unübersehbar: Weiße Frauen, wie ich es eine bin, bekommen weiße Männer. Fast ausnahmslos. Und das ist kein Zufall, kein technischer Schluckauf und schon gar kein neutraler Algorithmus-Moment – das ist struktureller Bias. Und brachte mich zum Nachdenken. Besonders entlarvend war hier in meiner Recherche der internationale KI-Schönheitswettbewerb Beauty.ai, organisiert von Youth Laboratories in Zusammenarbeit mit Microsoft und Nvidia. Über 600.000 Menschen aus aller Welt reichten Selfies ein, die von Algorithmen bewertet wurden – angeblich rein nach Gesichtssymmetrie, Hautstruktur und „jugendlichem Aussehen“. Das Ergebnis: Von 44 Gewinner*innen waren fast alle weiß, sechs asiatisch, eine einzige Person hatte erkennbar dunklere Haut. Die Empörung war groß – die Erklärung ernüchternd einfach. Die KI hatte überwiegend mit Bildern hellhäutiger Menschen gelernt. Schwarze Haut wurde schlechter erkannt, falsch belichtet oder schlicht aussortiert. Der Chief Science Officer von Beauty.ai sagte dazu offen, dass es für viele Bevölkerungsgruppen „nicht genug Trainingsdaten“ gebe, um faire Ergebnisse zu ermöglichen. Übersetzt heißt das: Wer in den Daten kaum vorkommt, existiert für die KI ästhetisch kaum.


Doch das gleiche existiert auch andersherum. Auch in der Popkultur ist KI fast immer weiß gedacht. Man denke an Terminator: überlegene Maschine, weißer Körper, maximale Dominanz, Mann. Unsere Vorstellung von Intelligenz, Macht und Attraktivität ist kulturell tief eingefärbt. Überraschung: Das überträgt sich auf Algorithmen. Mehrere Studien zeigen sehr deutlich: Künstliche Intelligenz ist nicht objektiv, sie ist ein Spiegel der Gesellschaft, die sie füttert. Und diese Gesellschaft ist – vor allem in westlichen Datensätzen – weiß dominiert. Eine der zentralen Arbeiten dazu ist die Studie „The Whiteness of AI“von Forschenden der University of Cambridge. Darin analysieren sie, wie künstliche Intelligenz in Medien, Design, Stockbildern, Sprachassistenten und humanoiden Robotern fast durchgehend als „weiß“ kodiert ist – visuell, stimmlich und kulturell. Intelligenz, Professionalität, Autorität und Zukunft werden unbewusst mit Weißsein verknüpft. Alles andere gilt als Abweichung. Das wirkt subtil – aber nachhaltig.


Einheitsbrei mit Deep-Learning-Siegel

Das Problem dahinter ist größer als Dating. KI führt zu einer seltsamen Globalisierung von Ästhetik. Daten aus aller Welt fließen ein – was nach Diversität klingt, endet oft in einem weichgespülten Einheitslook. Keine Kanten, keine Zumutung, keine Irritation. KI will gefallen. Sie verstört nicht. Sie zwingt uns nicht zum Nachdenken. Sie ist die süße Katze oder Welpe im Feed, bei dem wir 30 Sekunden denken: „Ach nett“, und dann weiterwischen. Ob uns das guttut, ist keine Technik-, sondern eine bildungspolitische Frage. Eine, die wir erstaunlich selten stellen.


Vielleicht sollten wir unsere Ewartungen woanders ansetzen

Wenn wir also unseren „perfekten Partner“ ausspucken lassen und uns dabei ertappen, wie wir nicken – oder irritiert sind, weil er uns zu bekannt vorkommt –, dann liegt das nicht an der Genialität des Algorithmus. Sondern daran, dass er exakt das reproduziert, was wir ihm beigebracht haben: Konformität statt Charakter, Wiedererkennbarkeit statt Reibung, Sicherheit statt Überraschung. Vielleicht ist „the bar is low“ deshalb gar kein Dating-Problem. Vielleicht ist es ein Vorstellungsproblem. Wir erwarten wenig, weil wir uns wenig vorstellen. Weil wir gelernt haben, dass Liebe überschaubar, ordentlich und bitte nicht zu anstrengend zu sein hat. Weil alles, was davon abweicht, schnell als kompliziert, schwierig oder unrealistisch gilt. Und vielleicht müssen wir deshalb auch gar nicht nach besseren Männern suchen. Oder nach intelligenteren Algorithmen. Vielleicht müssen wir anfangen, bessere Fragen zu stellen. Fragen wie: Was irritiert mich – und warum? Wen finde ich interessant, obwohl es nicht in mein bisheriges Raster passt? Welche Bilder von Liebe, Attraktivität und Partnerschaft trage ich eigentlich in mir – und wessen sind das?


Text von Rebecca Stringa

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