Catcalling – wenn Joggen zur Mutprobe wird
20. August 2025

Viele Frauen meiden Joggingstrecken – und das nicht nur wegen der Kondition. Pfiffe, anzügliche Rufe oder heimliche Handyaufnahmen machen selbst die kürzeste Runde zum Stressfaktor. Neuerdings joggen in England Zivil-Polizistinnen, um Männer direkt auf ihr Verhalten aufmerksam zu machen. Und auch in Deutschland sorgte ein viraler Fall für Aufsehen. Warum Catcalling kein harmloser Scherz ist und die Rechtslage dringend geändert werden muss ...
Joggen soll gesund sein: frische Luft, gute Laune, vielleicht ein bisschen Selfcare. Für viele Frauen wird die Laufrunde – insbesondere jetzt im Sommer – jedoch zur unangenehmen Mutprobe. Pfiffe, anzügliche Kommentare, unerwünschte Handyaufnahmen – willkommen in der Welt von Catcalling und Co.
Was ist Catcalling?
Doch was genau wird als Catcalling definiert? Ganz einfach: Es ist, wenn Männer auf der Straße, im Park oder auf der Joggingstrecke Rufe, Pfiffe oder sexuelle Bemerkungen abgeben – ohne dass die betroffene Person das will. Ob „Hey, Baby!“ oder anzügliche Gesten – Catcalling ist nicht nur nervig, es ist belästigend, einschüchternd und gehört in die feministische Toolbox unter „Nope.“
Strafbar in Deutschland? Eher selten
In Deutschland ist Catcalling grundsätzlich nicht automatisch strafbar. Erst wenn die Belästigung eine bestimmte Schwelle erreicht, spricht das Gesetz von sexueller Belästigung (§ 184i StGB) – zum Beispiel bei wiederholten, penetranten Annäherungsversuchen oder körperlicher Nähe. Ein einzelner Spruch vom Straßenrand? Meist kein Straftatbestand. Und genau hier liegt das Problem: Frauen meiden deswegen Joggingrunden, Parks oder Wege nach Einbruch der Dunkelheit – aus Angst vor verbaler Gewalt.
Jog On – England macht’s vor
In Bradford und Surrey joggen Polizistinnen in Sportkleidung Strecken ab, auf denen Frauen besonders oft belästigt wurden. Ziel der Kampagne „Jog On“: Männer ansprechen, über die Wirkung ihres Verhaltens aufklären und ein Bewusstsein schaffen – bevor es zu ernsteren Straftaten kommt. Polizeikommissar Jon Vale bringt es auf den Punkt: „Es kann ernste Folgen auf das alltägliche Leben haben und Frauen von Alltäglichkeiten wie einer Joggingrunde abhalten.“
Auch in Deutschland ging ein Catcalling-Video viral
Und auch hierzulande gibt es ein Lehrstück: Yanni Gentsch joggte Anfang des Jahres im Kölner Grüngürtel, als ein Mann auf einem E-Bike sie heimlich filmte. Sie stellte sich ihm in den Weg, verlangte, dass er die Aufnahme löscht – und filmte die Konfrontation selbst. Das Video explodierte auf Instagram: fast 15 Millionen Aufrufe, über 500.000 Likes.
Der ernüchternde Teil: Eine Anzeige war nicht möglich. Die Polizei erklärte, der Straftatbestand sei nur erfüllt, wenn nackte Haut gefilmt worden wäre. Gentsch kommentiert klar: „Sein Fehlverhalten ist nicht meine Verantwortung. Ich bin einfach joggen gegangen – nicht mehr und nicht weniger.“ Ihre Aktion wurde zu einem Empowerment-Moment für Tausende Frauen: Sich wehren ist möglich, auch wenn das Gesetz noch hinterherhinkt.
Blick ins Ausland
Andere Länder sind da weiter:
Frankreich: seit 2018 Geldstrafe bis 750 Euro
Belgien: Catcalling gilt als sexuelle Belästigung
Portugal: Verstoß gegen öffentliche Ordnung
Kanada: Strafrechtliche Verfolgung möglich
Spanien: Neue Gesetze verschärfen Regeln für „einschüchternde Komplimente“
Deutschland hinkt also hinterher – ein Zustand, der längst geändert werden muss. Was muss sich ändern? Schluss mit der Gnade für heimliche Filmer – § 184k StGB muss für alle voyeuristischen Aufnahmen gelten. Heimliches, sexuell motiviertes Filmen muss strafbar sein, egal ob nackte Haut zu sehen ist oder nicht. Es darf keine Gesetzeslücken bei Übergriffen geben, weder privat noch öffentlich. Täter müssen Verantwortung für ihr Fehlverhalten übernehmen, nicht die Opfer.
Warum wir handeln müssen
Catcalling und unerwünschte Aufnahmen sind kein harmloser Spaß. Sie sind Machtinstrumente, die Frauen signalisieren: „Du bist angreifbar, deine Freiheit hat Grenzen.“ Joggen, alleine unterwegs sein, sich sicher fühlen – das sollte keine Selbstverteidigungsgeschichte sein. Kampagnen wie „Jog On“ und Aktionen wie die von Yanni Gentsch zeigen: Aufklärung wirkt, Sichtbarkeit ist wichtig, und Männer müssen Verantwortung übernehmen. Es ist höchste Zeit, dass Catcalling und digitale Belästigung ernst genommen werden – nicht erst, wenn körperliche Gewalt hinzukommt.
Text von Rebecca Stringa




