Altersarmut ist weiblich
21. Juli 2025

Die gute Nachricht zuerst: Frauen verdienen heute etwas mehr als früher.
Die schlechte: Im Alter bleibt trotzdem deutlich weniger übrig.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Männer in Deutschland erhalten im Schnitt 52 Prozent mehr Alterseinkommen als Frauen. Und das ist nicht etwa die Folge individueller Versäumnisse, sondern struktureller Realität. Doch erst einmal einen Schritt zurück: Wer über die Gender Pay Gap spricht, spricht über mehr als ungleiche Gehälter. Es geht um einen systematischen Dominoeffekt – von der ersten Gehaltsabrechnung bis zum Rentenbescheid. Und das endet oft in Altersarmut – mit einem klaren Muster: 75 Prozent der Menschen, die Grundsicherung im Alter beziehen, sind Frauen.
Der Anfang vom Ende: Die Gender Pay Gap
Frauen verdienen 2024 im Schnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Auch wenn der Unterschied seit 2006 (damals: 23 Prozent) gesunken ist, bleibt der Abstand groß. Der bereinigte Gender Pay Gap – der Unterschiede wie Branche, Beruf oder Arbeitszeit berücksichtigt – liegt immer noch bei 6 Prozent. Klingt harmlos, ist aber der erste Riss im Fundament der finanziellen Unabhängigkeit.
Der stille Hauptjob: Die Gender Care Gap
Frauen leisten rund 44 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit – Kinder betreuen, Angehörige pflegen, den Alltag organisieren. Diese Arbeit ist systemrelevant, wird aber kaum entlohnt oder rentenwirksam berücksichtigt. Der sogenannte Motherhood Pension Gap liegt in Westdeutschland bei 26 Prozent – Mütter erhalten im Alter also über ein Viertel weniger Rente als kinderlose Frauen.
Die Rechnung des Lebens: Gender Lifetime Earnings Gap
Auf ein ganzes Erwerbsleben gerechnet verdienen Frauen im Schnitt knapp 50 Prozent weniger als Männer. Männer in Westdeutschland kommen auf rund 1,51 Millionen Euro, Frauen auf 830.000 Euro. Für Mütter steigt die Differenz auf bis zu 70 Prozent – wegen Teilzeit, Auszeiten und schlechterer Bezahlung.
Im Alter sichtbar: Die Gender Pension Gap
2023 bezogen Frauen durchschnittlich 1.341 Euro aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge – Männer hingegen 2.033 Euro. Besonders alarmierend: In der betrieblichen Altersvorsorge ist die Lücke noch größer. Nur 13 Prozent der Frauen beziehen überhaupt Leistungen aus der bAV, bei Männern sind es 27 Prozent. Die betriebliche Rentenlücke beträgt 49 Prozent. Auch bei der Riester-Rente zeigt sich der Unterschied: Männer erhielten 2023 im Schnitt 1.732 Euro, Frauen 1.552 Euro– ein Rückstand von rund 10 Prozent.
Doch finanzielle Unabhängigkeit ist eine zentrale Voraussetzung für Freiheit, Sicherheit und Selbstbestimmung – auch im Alter. Was braucht es also?
Mehr Erwerbsarbeit von Frauen fördern – das führt zu einer höheren Rente und stabilisiert das Rentensystem.
Vereinbarkeit verbessern – bessere Kinderbetreuung erhöht die Erwerbsbeteiligung von Müttern messbar.
Partnerschaftlich vorsorgen – wer Care-Arbeit übernimmt, sollte über das gemeinsame Haushaltseinkommen mitversichert sein.
Betriebliche Altersvorsorge nutzen – auch bei Teilzeit lohnt sich der Einstieg, besonders mit Arbeitgeberzuschuss.
Früh anfangen – je eher Altersvorsorge beginnt, desto größer der Effekt durch Zinseszins.
Weniger Lücken, mehr Lebenssicherheit
Die Gender Pension Gap ist kein individuelles Schicksal, sondern das Ergebnis systemischer Benachteiligung. Finanzielle Unabhängigkeit ist kein Luxus – sie ist Grundvoraussetzung für Freiheit und Selbstbestimmung.
Die Erkenntnis ist so unbequem wie notwendig: Altersarmut ist weiblich – und das muss sich ändern.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit dem GDV Gesamtverband der Versicherer.




