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Whataboutism – Wenn nicht mehr ueber den Kern diskutiert wird

24. Februar 2026

„Aber was ist mit den Männern?“


Kaum wird über Gleichberechtigung gesprochen, fällt dieser Satz. Nicht als Ergänzung. Sondern als Gegenbewegung.

Whataboutism – oder Whataboutery – bezeichnet eine rhetorische Technik, bei der auf ein konkretes Argument nicht eingegangen wird. Stattdessen wird ein anderes Thema eingeführt, das den Fokus verschiebt. Das ursprüngliche Problem bleibt unbehandelt. Nochmal kurz und knapp: Whataboutism funktioniert nicht über Widerlegung, sondern über Ablenkung. Es wird keine Gegenposition entwickelt, sondern eine neue Baustelle eröffnet.


Das Muster ist wiederkehrend: Jemand spricht über ungleich verteilte Care-Arbeit. Die Antwort: „Aber Männer arbeiten länger.“ Jemand thematisiert geschlechtsspezifische Gewalt. Die Reaktion: „Aber die meisten Mordopfer sind Männer.“ Formal klingt das nach Ausgleich. Inhaltlich ist es eine Verschiebung.


Wenn Symptome gegeneinander ausgespielt werden

Ja, Männer sind häufiger von Suizid betroffen. Ja, Männer stellen einen Großteil der Inhaftierten. Ja, viele Männer kämpfen mit Einsamkeit. Diese Probleme sind real. Die entscheidende Frage ist jedoch: Warum tauchen sie vor allem dann auf, wenn feministische Anliegen diskutiert werden?


Wenn auf die Information, dass fast jeden zweiten Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet wird, mit „Aber 73 % der Mordopfer sind männlich“ reagiert wird, wird ein Vergleich konstruiert, der an der Ursache vorbeigeht. Der strukturelle Kern lautet nicht „Frauen gegen Männer“. Er lautet: Gewalt wird überwiegend von Männern ausgeübt. Die Debatte verschiebt sich von der Analyse gesellschaftlicher Machtstrukturen hin zu einer Konkurrenz um Betroffenheit. Das ist der eigentliche Effekt von Whataboutism.


Patriarchat produziert beide Probleme

An diesem Punkt wird es wichtig, sauber zu argumentieren. Männer sterben häufiger durch Suizid. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass sie seltener psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Warum? Weil sie sozialisiert wurden, Stärke über Verletzlichkeit zu stellen. Emotionale Abhängigkeit wird tabuisiert. Hilfesuche wird als Schwäche markiert. Nähe wird funktionalisiert. Das ist kein Beweis dafür, dass Feminismus zu weit gegangen ist. Es ist ein Beleg dafür, dass patriarchale Rollenvorgaben auch Männern schaden. Und genau hier wird Whataboutism zur Sackgasse: Statt die gemeinsame strukturelle Ursache zu benennen, werden die Folgen gegeneinander aufgerechnet.


Männerprobleme verdienen Aufmerksamkeit. Punkt. Aber wenn sie als Reaktion auf feministische Forderungen eingebracht werden, erfüllen sie eine andere Funktion: Sie relativieren. Die implizite Botschaft lautet häufig:
„Ihr redet über Ungleichheit, aber wir haben auch Probleme – also ist das alles nicht so eindeutig.“ Doch Gleichberechtigung ist kein Nullsummenspiel. Fortschritte für Frauen sind nicht der Grund für männliche Krisen. Gleichzeitig stimmt: Männer leiden unter rigiden Männlichkeitsnormen. Aber diese Normen sind kein feministisches Produkt. Sie sind historisch gewachsen – und werden überwiegend von Männern reproduziert.


Ein häufig zitierter Gedanke bringt es nüchtern auf den Punkt: Wer an Privilegien gewöhnt ist, empfindet Gleichberechtigung als Verlust. Gesellschaftliche Verschiebungen bedeuten nicht, dass Männer systematisch entrechtet werden. Sie bedeuten, dass Exklusivität bröckelt. Whataboutism wirkt hier wie ein Stabilisierungsmittel. Er verhindert, dass ein Thema im Zentrum bleibt. Er sorgt dafür, dass strukturelle Analyse durch thematische Streuung ersetzt wird.

Das Ergebnis: kein Fortschritt, sondern Dauerrelativierung.


Raum für Männerfragen – ohne Gegenrechnung

Feminismus zielt auf die Abschaffung ungleicher Machtverhältnisse. Dazu gehört auch, männliche Sozialisation zu hinterfragen. Männer, die unter Einsamkeit leiden, brauchen andere Männer, die emotionale Verantwortung übernehmen. Männer, die unter Leistungsdruck leiden, brauchen andere Männlichkeitsbilder. Das ist kein „zweiter Abschnitt“ des Feminismus. Es ist Teil derselben strukturellen Arbeit. Zwei Aussagen können gleichzeitig wahr sein: Frauen erleben strukturelle Benachteiligung. Männer leiden unter patriarchalen Rollenerwartungen. Whataboutism tut so, als müsse man sich entscheiden.


Whataboutism ist keine vertiefende Nachfrage. Er ist eine Verschiebung. Er ersetzt Analyse durch Ablenkung.  Er ersetzt Ursachenforschung durch Konkurrenz. Wer Gleichberechtigung ernst meint, muss in der Lage sein, ein Problem im Fokus zu halten, ohne sofort eine Gegenbilanz zu eröffnen. Die eigentliche Frage lautet nicht: „Aber was ist mit den Männern?“ Sondern: Welche Strukturen produzieren diese Ungleichheiten – und warum fällt es uns so schwer, sie klar zu benennen?

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