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Frauen100 – Januar 2024





“Es reicht für Männer nicht, nicht gewalttätig zu sein. Männer müssen sich endlich auch für die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen einsetzten. Was wir brauchen sind Mut, Vielfalt, Wut, Kreativität, Solidarität und sehr viel Ausdauer. Wir müssen voller Menschenliebe, gegen den Frauenhass vorgehen.” Mit diesen Worten forderte Christina Klemm, Anwältin für Familien- und Strafrecht im Rahmen der letzten FRAUEN100 Veranstaltung, die im Crackers in Berlin stattfand, alle Anwesenden auf, sich aktiv gegen den zunehmenden Frauenhass einzusetzen. Dabei erreichte ihre Botschaft an diesem Abend nicht nur Frauen, sondern ebenso Männer. Denn zum zweiten Mal fand ein FRAUEN100 Event unter dem Motto „Men of quality support gender equality“ statt.

 

So folgten der Einladung neben den Speakerinnen Janina Mütze (Gründerin und CEO von Civey), Sophia Maier (Journalistin und Kriegsreporterin), Ann-Katrin Müller (Redakteurin beim Spiegel), Christina Clemm (Anwältin und Autorin) auch Roni Roman und Meirav Leshem Gonen, die Familienangehörige unter den Geiseln der Hamas haben. Prominente Gäste aus Politik, Entertainment und Medien, waren an diesem Abend u. a. die Moderatorinnen Mareile Hoepper, Laura Wontorra, Melissa Khalaj und Aminata Belli, die Schauspielerinnen Susan Sideropoulos, Chryssanthi Kavazi, Unternehmerin Aya Jaff, Verteidigungsministerin a.D. Christina Lambrecht sowie die Journalist*innen Maike Backhaus, Nikolaus Blome und Gordon Repinski, um nur einige der knapp 300 Anwesenden zu nennen.

 

Eröffnet wurde das Event von der deutsch-iranischen Musikerin Maryam.fyi, die den Protestsong “Baraye” coverte. Eine bedeutungsschwere Ballade, für die der iranische Singer-Songwriter Shervin Hajipour 2022 verhaftet wurde. Spricht man über Frauenhass, spricht man automatisch über Privilegien, Freiheit, Unfreiheit und die Frage, wie sich eine bessere Welt für alle gestalten lässt.

 

“Ich sage es mit aller Liebe: Es ist an der Zeit, dass diese Welt zum Großteil von Frauen geführt wird. Wir sind jetzt dran, nachdem wir es Jahrhunderte nicht waren,” führte die Comedian, Menschenrechtsaktivistin und Moderatorin des Events Enissa Amani in den Abend ein, der sich dem Thema Gewalt gegen Frauen von drei Seiten näherte: dem Erstarken der neuen Rechten am Beispiel des frauenverachtenden Parteiprogramms der AfD, den gesellschaftspolitischen und rechtlichen Hürden bei der Prävention von Gewalt gegen Frauen sowie der verheerenden Lage der israelischen Geiseln der Hamas.

 

Maier: ”Dieser Hass macht müde und zermürbt einen. Er führt dazu, dass Frauen leiser werden”

Als erstes begrüßte Enissa Amani neben sich Kolumnistin, Speakerin und Gründerin des Marktforschungsunternehmens Civey, Janina Mütze, Journalistin und Kriegsreporterin Sophia Maier sowie Journalistin und Spiegel-Redakteurin Ann-Katrin Müller, um gemeinsam zu diskutieren, wie gefährlich der zunehmende Rechtsruck insbesondere für Frauen ist.

 

Zur Orientierung teilte Janina Mütze zunächst Daten, die Civey für den Abend exklusiv mittels einer Studie erhoben hat. Unter anderem wurden dabei 5000 Bürger*innen unterschiedlicher Altersgruppen zum Agieren der AfD befragt, ihrer Frauenpolitik sowie zu einer allgemeinen Einschätzung, wie sich der Frauenhass in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Das Ergebnis: Zwar befänden 70 % der Befragten, dass sexistische Anfeindungen gegenüber Frauen gleichgeblieben wären oder sogar zugenommen hätten, die Hälfte sehe darin jedoch kein Problem. In Bezug auf die AfD sei die Gesellschaft buchstäblich gespalten: 48 % sorgten sich nicht davor, dass mit einem Erstarken der AfD wieder Rückschritte in der Gleichstellung gemacht werden könnten. Jede*r Fünfte sei sogar der Meinung, die Frauenpolitik der AfD wäre fortschrittlich. “Wir sehen seit Jahren, dass man der AfD immer mehr Kompetenz zuschreibt. Doch nicht jede*r läuft der AfD freudestrahlend hinterher. Viele Menschen sind einfach gleichgültig. Das ist fast die größere Gefahr,” so Mütze.

 

Ganz und gar nicht gleichgültig gegenüber der frauenverachtenden Linie der AfD ist Sophia Maier. Die Journalistin ist in der Vergangenheit mehrfach von der AfD öffentlich diffamiert, ihre Arbeit diskreditiert worden. Das habe für sie zu einer noch nie da gewesenen Hasswelle bestehend aus tausenden Kommentaren, Gewalt- sowie Vergewaltigungsdrohungen geführt, was Narben hinterlassen hätte: “Dieser Hass macht müde und zermürbt einen. Er führt dazu, dass Frauen – nicht alle– leiser werden, sich zurückziehen, weil sie Sicherheitsbedenken haben. Gleichermaßen habe ich aber auch Gespräche geführt, in denen ich gespürt habe, dass aus dem Hass Stärke erwachsen kann.” Vor diesem Hintergrund begrüße Maier, die Anwesenheit so vieler Männer, denn alle müssten sich mehr für das Thema Frauenfeindlichkeit sensibilisieren.

 

Dass diese Vorgehensweise der AfD nicht willkürlich ist, sondern System hat, weiß Journalistin Ann-Katrin Müller. Auch sie hat Hetze durch Mitglieder der AfD erlebt und ist schließlich gerichtlich dagegen vorgegangen: “Um ihr Programm umsetzen zu können, ist die Strategie der AfD Frauen zu attackieren. Es ist kein Zufall, dass Funktionäre der AfD Hass lostreten. Frauen sollen mundtot gemacht werden. Denn eine Gesellschaft, in der Frauen die gleichen Rechte haben, ist sehr viel bunter und das hilft der AfD nicht.”

 

Frauenhass stabilisiert das patriarchale System

“Würden wir am Ende eines Jahres eine Schweigeminute für jede in Deutschland von ihrem Partner oder Expartner ermordeten Frau halten, schwiegen wir zwei volle Stunden. Gedächten wir aller Frauen, die einen Tötungsversuch überlebt haben, wären es sechs Stunden und würden wir für jede frauenverachtende Tat, jede erlittene Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigungen, Herabwürdigung, sexuelle Nötigung und Belästigung den Mund halten, könnten wir das Reden langfristig einstellen. Aber Schweigen nützt nichts.” Die Autorin und Anwältin für Familien- sowie Strafrecht Christina Clemm vertritt seit mehr als 25 Jahren Menschen, die von geschlechtsspezifischer, sexualisierter, queerfeindlicher, rassistischer und rechter Gewalt betroffen sind. Sie weiß nicht nur, wie schlecht es in Deutschland um den Schutz von Frauen, die Gewalt erfahren, bestellt ist, sondern auch, warum: “Wir leben in einem immer noch zutiefst patriarchalen System. Nichts hält Gleichstellung so sehr auf wie die alltägliche Gewalt, der Hass im Netz, die Sorge um die eigene Sicherheit. Der Hass ist strukturell, zielgerichtet und stabilisierend für das patriarchale System.” Geschlechtsbezogene Gewalt sei fester Bestandteil unseres Zusammenlebens, sexualisierte Gewalt Teil unseres Alltags, im sozialen sowie dem öffentlichen Raum. Und in ganz besonderer Form sei Gewalt gegen Frauen Teil kriegerischer Auseinandersetzungen.

 

Roman: “Der 07. Oktober ist nicht nur die Realität in Israel, sondern die neue Realität auf der ganzen Welt”

Welch grauenvolles Ausmaß diese Form der Gewalt annehmen kann, davon berichteten die Israelinnen Roni Roman und Meirav Leshem Gonen im letzten Teil des Abends. Beide Frauen haben Familienangehörige, die sich seit des Terrorangriffs der Hamas am 07. Oktober 2023 in Gefangenschaft in Gaza befinden. “Ich habe etwas erlebt, was keine Mutter jemals erleben sollte. Meine Tochter Romi wird von der Hamas als Geisel gefangen gehalten.” Über das Telefon habe Gonen miterleben müssen, wie ihre Tochter, die sich zu der Zeit der Angriffe auf dem Nova Festival befand, zunächst vor den Angriffen geflohen, dann angeschossen und später verschleppt worden sei: “Von den Menschen, die aus Gaza zurückkehren, wissen wir, dass die Frauen und Mädchen sexuell missbraucht werden. Sie werden wie Sklavinnen, wie Puppen benutzt. Sie bekommen kaum etwas zu essen, müssen Salzwasser trinken, leben in Tunneln und sehen das Sonnenlicht nicht.”

 

Für wen sich das weit weg anfühlen möge, solle sich nicht täuschen lassen, so Roman. Was am 07. Oktober in Israel passiert sei, wäre kein Israel-Problem, sondern die neue Realität auf der ganzen Welt: “Dieser Terror ist die neue Art des Kampfes. Wenn wir die Hamas und andere darin bestätigen, dass das eine legitime Art uns Weise ist zu kämpfen, wird das früher oder später auch hier passieren. Um zu vergewaltigen, zu misshandeln und zu töten, braucht es keine Waffen, es braucht nur den Glauben an das, was man tut.” Während Romans Schwester Yarden mittlerweile wieder sicher bei ihrer Familie ist, befindet sich ihre Schwägerin Carmel nach wie vor in der Gewalt der Hamas. Roman und Gonen wissen nicht, wie es ihren Angehörigen geht, doch sie würden die Hoffnung und den Kampf nicht aufgeben, so Gonen: “Es ist nicht nur Iran, die Ukraine oder Israel. Das ist der Kampf des Lichtes über das Dunkel. Wir müssen diese Welt gemeinsam zu einem besseren Ort machen.”

 

Nach Standing Ovations beendete Maryam.fyi den offiziellen Teil des Abends mit dem Song “Queen”. Während der Veranstaltung wurden außerdem Spenden für den Bundesverband bff: Frauen Gegen Gewalt e.V. gesammelt. Spenden kann man weiterhin hier.

 

Vielen Dank an unsere Sponsoren, ohne die dieser Abend nicht möglich gewesen wäre.


von Sarah Thiele




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