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Geld ist Macht: 
Wie strukturelle Benachteiligung individuelle Abhängigkeit kreiert

  • 2. Apr.
  • 6 Min. Lesezeit

Geld ist Macht. Wenn Männer statistisch gesehen in jedem Land der Welt mehr Geld haben als Frauen: Wo landet dann global die Macht?¹ In der allgemeinen Diskussion über Macht ist es einfach, zunächst auf die großen politischen Bühnen zu schauen. Wirtschaftliche Interessenvertretung, institutioneller Einfluss, die offensichtlich gewordene Verflechtung von privatem Kapital und öffentlicher Entscheidungsgewalt. Doch Macht wirkt nicht nur im Großen. Sie wirkt überall dort, wo jemand eine Entscheidung treffen kann und jemand anderes nicht oder nur begrenzt. Auch auf privater Ebene. Im Alltag, im Familienleben, in Beziehungen. Auch dort, wo es unbequem ist, ein finanzielles Gefälle als Macht zu bezeichnen. Denn auch wenn nicht beabsichtigt wird, diese Macht einzusetzen, so bleibt faktisch eine Abhängigkeit auf der anderen Seite bestehen. Vor diesem Hintergrund ist die geschlechterbezogene Ungleichverteilung von Vermögen keine rein wirtschaftliche Fußnote. Sie sollte uns veranlassen, Strukturen aktiv zu hinterfragen und zu kritisieren. Und sie sollte Frauen dazu motivieren, eine selbstbestimmte Finanzplanung als ein Instrument der eigenen Lebensgestaltung zu nutzen.


Geld als Entscheidungsinstrument

Geld hat keinen Selbstzweck. Seine Wirkung entsteht, indem es eingesetzt wird, wofür es eingesetzt wird und von wem es eingesetzt wird. Geld ist also ein Entscheidungsinstrument: Es definiert, welche Optionen real vorhanden sind und welche nur theoretisch existieren.


Die Möglichkeit, einen Job zu verlassen, der krank macht. Ohne zittern zu müssen, ob man rechtzeitig eine neue passende Anstellung findet oder wie lange das ALG 1 reicht, „wenn der Gürtel etwas enger geschnallt wird“. Die Möglichkeit, eine Beziehung zu beenden, die nicht mehr funktioniert. Ohne die Existenzangst, ob Umzug oder allein getragene Miet- und Lebenskosten überhaupt realisierbar sind – oder inwiefern der Lebensstandard sinken müsste. Die Möglichkeit, Nein zu sagen: zu Bedingungen, Rollen und Erwartungen. All das setzt einen finanziellen Spielraum voraus, der nicht verhandelt, sondern schlicht vorhanden sein muss. Wo er fehlt, bleiben Menschen in Situationen, die sie unter anderen Umständen längst verlassen hätten. Weil die materielle Realität andere Handlungsmöglichkeiten schlicht nicht zulässt.


Die Folge scheinbar logischer Schritte

Finanzielle Abhängigkeit entsteht selten durch eine einzige, bewusste Entscheidung. Sie entsteht durch eine Kette von Schritten, in der jeder für sich vernünftig erscheint. Deren Gesamtrichtung sich aber zu oft erst im Rückblick offenbart.

Im Folgenden betrachten wir eine heteronormative Realität, da hier der wirtschaftliche Unterschied zwischen den Geschlechtern statistisch belegbar deutlich wird.


Ein verbreitetes Szenario: Ein Paar bekommt ein Kind. Eine Person – deutlich häufiger die Frau – reduziert ihre Arbeitszeit, zunächst aus praktischer Notwendigkeit. Im Jahr 2024 waren knapp ein Viertel aller erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter sechs Jahren in Elternzeit – unter den Vätern betraf dies lediglich 1,8 Prozent.² Frauen beantragen durchschnittlich 14,6 Monate Elternzeit, Männer 3,6 Monate.³ Das Einkommen der Frau sinkt. Das Einkommen des Partners steigt weiter, vielleicht sogar mit größerer Geschwindigkeit, weil berufliche Kontinuität eine Voraussetzung für Aufstieg ist. In der Folge werden Karriereentscheidungen zunehmend gegen das höhere Einkommen abgewogen: Wessen Weiterbildung, wessen Beförderung, wessen Arbeitszeit hat den größeren wirtschaftlichen Effekt für die Familie? Die Antwort ist rein rechnerisch eindeutig und führt dazu, dass die berufliche Entwicklung der Frau systematisch zurückgestellt wird.



Dieser Prozess vollzieht sich ohne böse Absicht. Er folgt einer inneren Logik, die auf kurzfristiger Rationalität basiert und dabei langfristige strukturelle Konsequenzen erzeugt. Nach der Rückkehr ins Berufsleben arbeiten über 67 Prozent aller Mütter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit, bei den Vätern sind es 9 Prozent.⁴ Fast jede zweite erwerbstätige Frau insgesamt ist in Teilzeit beschäftigt, während dies nur auf jeden achten Mann zutrifft.⁵ Am Ende steht eine finanzielle Asymmetrie, die nicht geplant wurde, aber real ist: Die Frau ist abhängiger geworden, obwohl jede Einzelentscheidung auf dem Wunsch beruhte, gemeinsam das Beste für die Familie zu gestalten. Für den Mann bedeutet diese schwelend gewachsene Macht nicht nur Entscheidungsoptionen, sondern auch wachsende finanzielle Verantwortung, die sich in der Beziehung nicht mehr paritätisch aufteilen lässt.


Abhängigkeit entlarvt sich im Ausnahmefall

Im geregelten Alltag bleibt finanzielle Abhängigkeit oft unsichtbar. Sie zeigt sich erst dann, wenn Risiken eintreten und genau darin liegt ihre Relevanz. Es lassen sich drei Risikotypen (nach FemininFinance) unterteilen:


  • Existenzielle Risiken greifen direkt das Einkommen an und damit die Grundlage des finanziellen Lebens. Wenn sie eintreten, fällt regelmäßiges Einkommen ganz oder teilweise weg. Beispiele sind längere Krankheiten, Berufsunfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit.

  • Lebensverändernde Risiken betreffen nicht primär die Arbeitsfähigkeit, sondern die Verschiebung des gesamten Lebensmodells. Sie verändern Einkommen, Ausgaben, Zuständigkeiten oder Verantwortung – oft plötzlich und tiefgreifend. Beispiele sind Trennung/Scheidung, Wegfall des zweiten Einkommens oder Schwangerschaft.

  • Finanzielle Notfälle sind unerwartete, plötzliche Ausgaben, die keinen Aufschub zulassen. Beispiele sind Doppelbelastungen in Übergangsphasen, größere Reparaturen oder Nachzahlungen.


Die entscheidende Frage lautet: Wenn ein solches Szenario eintritt, wer übernimmt dann die Verantwortung? Auf wessen Ressourcen, wessen Regeln, wessen Wohlwollen ist man dann angewiesen? Die Antwort auf diese Frage benennt die tatsächliche Abhängigkeitsstruktur – präziser als jede Selbsteinschätzung aus dem täglichen Leben heraus.


Wohlwollen schützt nicht vor Abhängigkeit

Hier ist eine Unterscheidung wichtig: Abhängigkeit ist kein Indikator für schlechte Beziehungen oder fehlende Fürsorge. Ein Partner, der in einer Krankheitsphase seiner Frau sämtliche Mehrkosten übernimmt, handelt sicherlich aus Zuneigung und Verantwortungsgefühl. Das ändert nichts daran, dass die abhängige Partnerin in diesem Moment auf das Fortbestehen eben dieses Wohlwollens angewiesen ist. Auf die Stabilität der Beziehung, auf die finanzielle Belastbarkeit des anderen, auf dessen Bereitschaft, diese Rolle weiterhin zu tragen.


Wer auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist, agiert nach den Regeln der jeweiligen Institution: Zumutbarkeit, Vermittlungsangebote, Zeitrahmen. Wer von Familienangehörigen finanziell gestützt wird, bewegt sich in einem System informeller Erwartungen. In beiden Fällen gilt: Die Person, die Ressourcen bereitstellt, besitzt – ob sie es will oder nicht – Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten der abhängigen Person. Macht entsteht hier nicht zwingend durch Intention, sondern durch Struktur. Oder salopp gesagt: Wer für dein Leben bezahlt, bestimmt über dein Leben.


Der Ausgangspunkt: Abhängigkeiten benennen

Eine stabile finanzielle Eigenständigkeit beginnt nicht mit Produkten oder Portfolios. Sie beginnt mit der nüchternen Bestandsaufnahme der eigenen Abhängigkeitsstruktur: Wer springt ein, wenn ein Risiko eintritt, das die eigenen Mittel übersteigt? Vom Staat, vom Arbeitgeber, vom Partner oder der Partnerin, von der Familie? Diese Frage erfordert eine analytische Selbsteinschätzung. Finanzielle Abhängigkeit ist kein moralisches Versagen, sondern ein beschreibbarer Zustand, der auf nachvollziehbaren Entscheidungen und Lebensumständen beruht. Erst wer diesen Zustand benennen kann, kann einschätzen, ob er akzeptiert oder verändert werden soll.


Und genau darin liegt die gesellschaftliche Dimension des Themas: Wenn Frauen statistisch seltener über ausreichende finanzielle Eigenständigkeit verfügen – sei es durch geringere Einkommen, Erwerbsunterbrechungen oder fehlende Absicherung –, dann ist das keine individuelle Schwäche, sondern ein strukturelles Muster. Frauen erhalten weltweit im Durchschnitt nur 77 Cent für jeden Dollar, den Männer verdienen.⁶ Gleichzeitig übernehmen sie 76,2 Prozent aller unbezahlten Sorge- und Haushaltsarbeit global.⁷ Laut dem Global Gender Gap Report 2024 wird es bei aktuellem Fortschrittstempo 134 Jahre dauern, bis vollständige Geschlechterparität erreicht ist.⁸ Frauen, die sich innerhalb dieses Musters bewusst positionieren und beginnen, eine eigene finanzielle Architektur aufzubauen, handeln nicht nur im eigenen besten Interesse. Sie tragen dazu bei, die Verteilung von Entscheidungsfreiheit und damit die Verteilung von Macht zu verschieben. Finanzplanung trägt zur Gleichberechtigung bei.


Text von Susanne Bartels & Samira Harkat


Vorstellung der Autorinnen: Die Wirtschaftsinformatikerin und Finanzberaterin Samira Harkat gründete gemeinsam mit Wirtschaftspsychologin Susanne Bartels das Maklerinnenkollektiv FemininFinance. Ihre Vision ist es, einen Standard zur Finanzberatung für Frauen zu etablieren und weibliche Lebensrealitäten in die Finanzdienstlestungsbranche zu integrieren. Dabei machen sie nicht nur ihre Kundinnen durch Wissensvermittlung und Umsetzung individueller Finanzarchitekturen unabhängig. Sondern auch Maklerinnen: Durch eine Infrastruktur, die jeden Arbeitsschritt begleitet und ein Beratungstool, das Frauen ins Zentrum stellt.


Quellen

1 World Economic Forum (2024): Global Gender Gap Report 2024 – Kein Land hat bislang vollständige Geschlechterparität erreicht; in allen erfassten 146 Ländern verdienen Männer statistisch mehr als Frauen. https://www.weforum.org/publications/global-gender-gap-report-2024/digest/

2 Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024): Personen in Elternzeit – Mikrozensus 2024. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/elternzeit.html

3 Statista / Statistisches Bundesamt (2022): Durchschnittliche Dauer der Elternzeit nach Geschlecht. https://de.statista.com/infografik/24835/anteil-der-vaeter-in-deutschland-die-elterngeld-beziehen/

4 Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024): Teilzeitbeschäftigung – Pressemitteilung Nr. N017/24, April 2024. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/04/PD24_N017_13.html

5 Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025): Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit – Pressemitteilung Nr. 175, Mai 2025. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html

6 World Bank / ILO (2024): Global Gender Pay Gap – Frauen verdienen weltweit durchschnittlich 77 Cent je Männer-Dollar. https://www.equalpaytoday.org/gender-pay-gap-statistics/

7 International Labour Organization (ILO) (2018): Care Work and Care Jobs for the Future of Decent Work – Zeitnutzungserhebung aus 64 Ländern. https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/@dgreports/@dcomm/@publ/documents/publication/wcms_633166.pdf

8 World Economic Forum (2024): Global Gender Gap Report 2024 – Bei aktuellem Tempo dauert vollständige Parität 134 Jahre. https://www.weforum.org/publications/global-gender-gap-report-2024/digest/

 
 
 

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