„Wer Care-Arbeit übernimmt, darf im Alter nicht benachteiligt sein.“
31. Juli 2025

Ein Satz, der bleibt – von einer Frau, die Verantwortung übernimmt: Laura Müller, Vorstandsmitglied der Debeka, war Speakerin bei unserem FRAUEN100 x ECONOMY-Event. In einem weiterführenden Gespräch machte sie unmissverständlich klar, warum Altersvorsorge kein individuelles Randthema ist, sondern eine zentrale Gerechtigkeitsfrage.
FRAUEN100: Frau Müller, der Gender Pension Gap liegt in Deutschland bei 52 %. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die Lücke kleiner wird?
Laura Müller: „Zunächst müssen wir das Bewusstsein für die Rentenlücke im Alter schärfen. Denn für alle Menschen gilt gleichermaßen: So wichtig die gesetzliche Rente auch ist, für eine auskömmliche Altersabsicherung kann sie allein nicht sorgen. Deshalb ist die Erkenntnis, dass mithilfe der privaten und betrieblichen Vorsorge ergänzend kapitalgedeckt vorgesorgt werden muss, von zentraler Bedeutung.
Die Digitale Rentenübersicht ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz in der Altersvorsorge. Sie macht sichtbar, was oft im Verborgenen bleibt: Versorgungslücken in der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Rente – allerdings muss sie noch deutlich bekannter werden, damit das Bewusstsein für die Rentenlücke geschärft wird.
Die Ursachen für die Rentenlücke liegen häufig in Teilzeitarbeit, geringeren Einkommen und Erwerbsunterbrechungen – insbesondere bei Frauen. Umso wichtiger ist es hier, gezielt gegenzusteuern.
Dazu verweise ich auf die vor Kurzem veröffentlichte Studie “Frauen und Altersvorsorge” von Prognos in Zusammenarbeit mit dem GDV, die fünf Impulse für mehr Rentengerechtigkeit und gleichzeitig mehr Unabhängigkeit gibt:
1. Erwerbstätigkeit bei Frauen stärken
2. Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern
3 Altersvorsorge partnerschaftlich denken und dementsprechend gestalten
4 Betriebsrente aktiv nutzen
5. Früh anfangen vorzusorgen zahlt sich aus
Letztendlich brauchen wir einen Dreiklang aus staatlichen Lösungen, Unterstützung durch die Arbeitgeber und nicht zuletzt Eigeninitiative – für eine echte Selbstbestimmung der Frau im Alter."
Sie bewegen sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Kommunikation und Politik. Welche Rolle spielen Unternehmen bei der Altersvorsorge – und können Frauen sich finanziell besser absichern?
„Die betriebliche Altersversorgung, kurz bAV, muss selbstverständlich werden – als zweites Standbein neben der gesetzlichen Rente. Unternehmen sind verpflichtet, bAV-Angebote zu machen. Beschäftigte sollten diese aktiv einfordern, wenn sie fehlen. Aktuell beziehen nur 13 Prozent der Rentnerinnen eine Betriebsrente, bei Männern ist die Quote mehr als doppelt so hoch. Der neue Entwurf zum zweiten Betriebsrentenstärkungsgesetz setzt wichtige Impulse – besonders für kleine, nicht tarifgebundene Betriebe aber auch für Beschäftigte mit geringem Einkommen, zu denen überdurchschnittlich viele Frauen zählen.
Außerdem sieht der Entwurf die Opting-Out-Option vor – also die automatische Einbindung von Beschäftigten in die betriebliche Altersvorsorge – das bietet eine große Chance: Sie kann helfen, ein neues Selbstverständnis zu etablieren, dass betriebliche Vorsorge ganz selbstverständlich zur Altersabsicherung dazugehört.
Generell würden bessere Kinderbetreuungsangebote durch Arbeitgebende – etwa durch Betriebskitas – insbesondere Frauen den früheren und umfangreicheren Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern. Und ein erhöhtes Arbeitsvolumen bedeutet gleichzeitig höhere Beitragseinzahlungen sowohl in die gesetzliche Rentenversicherung als auch in die betrieblich organisierte Altersversorgung. Fazit: Die bAV muss genauso selbstverständlich werden wie die gesetzliche Rente – für alle."
Immer wieder heißt es: Frauen müssten einfach nur früher vorsorgen. Was entgegnen Sie dieser Individualisierung eines systemischen Problems – und wie wichtig ist Finanzbildung im Kontext von Gleichstellung?
„Möglichst frühzeitig mit dem Aufbau einer auskömmlichen finanziellen Vorsorge fürs Alter zu beginnen, ist – sowohl für Männer als auch für Frauen – von großer Bedeutung. Nur über lange Sparhorizonte kann man effektiv vom sogenannten Zinseszinseffekt profitieren. Eine wirkungsvolle Altersvorsorge beginnt nicht erst mit 50 Jahren – die Frage danach sollte sich jeder viel früher stellen. Ein wesentlicher Grund für die bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist aus meiner Sicht: Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil unbezahlter Sorgearbeit – sei es bei der Kinderbetreuung, bei der Pflege von Angehörigen oder im Haushalt. Ein kurzer Blick auf die Teilzeitquoten spricht hierbei eine deutliche Sprache: im Jahr 2024 arbeiteten in Deutschland 49 Prozent der Frauen und gerade einmal 12 Prozent der Männer in Teilzeit. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Diese Zeiten fehlen den Frauen oft bei ihrer Erwerbsarbeit und wirken sich unmittelbar auf ihre Rentenansprüche aus. Die daraus entstehende Rentenlücke ist also Ausdruck einer strukturellen Diskrepanz, die es zu beheben gilt.
Dass in diesem Zusammenhang die Finanzbildung bereits in frühen Jahren gezielt gestärkt werden muss, liegt auf der Hand. Der im aktuellen Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung enthaltene Vorschlag einer sogenannten Frühstart-Rente stellt in diesem Zusammenhang einen guten Ansatz dar. Das macht Hoffnung, dass auch in den Schulen darüber gesprochen wird und Schülerinnen und Schüler so früh wie möglich an das Thema Altersvorsorge und finanzielle Absicherung im Alter herangeführt werden.
Genauso wichtig ist es allerdings zu erkennen, dass Frauen in Bezug auf die Altersvorsorge auch eine besondere Ansprache benötigen und im Vergleich zu den Männern anders “abgeholt” werden müssen, um diese Thematik nicht als etwas Belastendes zu empfinden, sondern als ein Feld mit flexiblen, individuellen Gestaltungsmöglichkeiten. Und dass die Frauen sich an der Stelle einiges zutrauen können, zeigt sich ebenfalls schon in jungen Jahren. Ein kurzer Blick auf die schulischen Leistungen zeigt: Mädchen schneiden im Durchschnitt besser ab als Jungen: die Abiturientenquoten sind über die letzten Jahrzehnte bei den Schülerinnen immer höher gewesen als bei den Schülern."
Viele reden über Equal Pay – aber kaum jemand über Equal Pension. Warum ist die Rentenlücke trotz aller Debatten oft noch ein blinder Fleck in der Gleichstellungspolitik?
„Ich denke, dass wir hier grundsätzlich bei der Bedeutung und Relevanz der Altersvorsorge allgemein ansetzen müssen. Eine aktuelle Umfrage der Debeka, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstituts Civey, zeigt, dass Altersvorsorge bei vielen Menschen – egal ob Männer oder Frauen – häufig nicht im Fokus steht. 72 Prozent der Befragten haben eine Haftpflichtversicherung und 47 Prozent eine Rechtschutzversicherung – aber gerade mal 27 % einen Vertrag zur privaten Altersvorsorge.
Der Fokus liegt häufig auf dem Hier und Jetzt und nicht auf der Rente, ähnlich scheint es bei den Debatten in der Gleichstellungspolitik zu sein. Gezielt eine auskömmliche Vorsorge fürs Alter aufbauen bedeutet, in langen Zeithorizonten zu denken und Entscheidungen mit langfristigem Charakter zu treffen – weg von kurzfristigen Konsumwünschen.
Hier ist allerdings auch die Politik gefragt, die richtigen Akzente zu setzen, für positive Signale im Hinblick auf die Gleichstellung zu sorgen und den Fokus der öffentlichen Diskussionen immer wieder verstärkt auf diese Thematik zu lenken."
Was würden Sie jungen Frauen heute mit auf den Weg geben, wenn es um Karriere, Care-Arbeit und finanzielle Unabhängigkeit geht – vor allem mit Blick auf das Alter?
„Frauen müssen bei der Altersvorsorge “das Heft des Handelns” selbst in die Hand nehmen und dürfen sich nicht ausschließlich auf ihre Partnerschaft verlassen und dadurch in eine finanzielle Abhängigkeit geraten. Genauso sollten sie auch immer bedenken, dass sie in der Regel länger mit ihrer Rente auskommen müssen, da Frauen eine im Durchschnitt längere Lebenserwartung haben.
Generell muss die Care-Arbeit mehr honoriert und nicht als Selbstverständlichkeit angenommen werden.
Wer wegen Kindererziehung oder Pflege eine Erwerbsunterbrechung eingeht oder in Teilzeit arbeitet, sollte frühzeitig in der Partnerschaft klären, wie die entstehende Rentenlücke ausgeglichen wird.
Denn: Weniger oder keine Arbeitszeit hat Auswirkungen auf das Einkommen – und damit auch auf die gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge. Deshalb gilt: Altersvorsorge ist eine gemeinsame Verantwortung in der Partnerschaft.
Fazit: Wer Care-Arbeit übernimmt, darf im Alter nicht benachteiligt sein. Fairness in der Familie beginnt mit offener Kommunikation – auch über Geld und Rente. Nur so kann finanzielle Unabhängigkeit für alle geschaffen werden – unabhängig vom Geschlecht bzw. der gesellschaftlichen Rolle."





